Reportage
Die Piraten von Chaoyang

Zwischen Louis Vuitton und Transrapid – eine Handelsblatt-Reportage darüber, wie EU-Handelskommissar Mandelson in China um das geistige Eigentum europäischer Markenhersteller ringt.

PEKING. Der dunkelblaue Armani-Anzug, neuestes Modell, soll umgerechnet 140 Euro kosten. Zu teuer? „Machen Sie Angebot“, empfiehlt die chinesische Verkäuferin in brüchigem Englisch und geht schon mal auf 120 Euro runter. Ihre Kollegin vom Laden nebenan steht bereits mit dem passenden Hemd von Ralph Lauren parat. „Beste Qualität“, kräht sie und will dafür 200 Yuan, das sind 20 Euro.

Willkommen im „Seidenstraßenmarkt“ in Pekings zentralem Chaoyang-Viertel. In dem schmucklosen Betonkomplex mit Hunderten kleiner Läden gibt es die großen Namen der Modewelt zum Schleuderpreis. Voll gestopft mit Gucci-Tops, Puma-Turnschuhen und den obligatorischen Louis-Vuitton-Taschen ist der Markt ein Magnet für Chinas konsumfreudige neue Mittelschicht und westliche Besucher. Und eine Wunde für die verzweifelten Markeninhaber. Denn die vermeintliche Designermode in der Seidenstraße ist ausnahmslos gefälscht.

Kein Volk kopiert die Markenartikel der Welt so unverfroren wie die Chinesen. Kein Land steht deshalb stärker am Pranger, wenn es um den mangelnden Schutz geistigen Eigentums geht. Die USA haben China unlängst mit einer Klage vor der Welthandelsorganisation WTO gedroht. Die Europäische Union ist nicht minder besorgt. 60 Prozent der Produkte, die als Fälschungen an den EU-Grenzen vom Zoll beschlagnahmt werden, kommen aus der Volksrepublik.

Betroffen sind alle Branchen. Die Pharmaindustrie klagt über gefälschte Medikamente, die krank statt gesund machen. Autozulieferer wie Bosch über Schiffsladungen voller Scheinwerfer, auf denen das Firmenlogo prangt und doch nicht eine Schraube von dem schwäbischen Unternehmen stammt. Selbst Spitzentechnologie ist gefährdet. „Die chinesische Regierung fordert bei großen Aufträgen Einsicht in unser komplettes Know-how“, erzählt der Manager eines europäischen Konzerns, der aus Furcht vor negativen Folgen anonym bleiben will. In kurzer Zeit beherrsche China dann selbst die Produktion und werde vom Partner zum Konkurrenten. Ein gnadenloser Wettlauf sei das, berichtet der Mann.

Peter Mandelson kennt diese Klagen. Der EU-Handelskommissar weiß, dass sich der chinesische Wirtschaftsboom, von dem Europas Firmen bisher so gewaltig profitierten, zum Problem umkehren kann. Der Schutz geistigen Eigentums sei für ihn das wichtigste Thema in China, werde das Wissen europäischer Firmen doch ausgesaugt „wie von einem Staubsauger“. Es gehe „um das Herz unserer Wirtschaftsbeziehungen“.

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