Reportage
Ein unbeugsamer Gallier

Sieht man die Fernsehbilder in Paris, könnte man den Eindruck gewinnen, ganz Frankreich wäre im Streik. Doch nein. Bei einem Autozulieferer nahe Paris wird gearbeitet – und gehofft, dass Villepin seine Pläne durchzieht.

PARIS. Die Maschinen sind so laut, dass Antonio Lopez seine eigenen Worte kaum versteht. Um ihn herum schneiden und pressen Fräsen Metallteile für Autos. In seiner Firma S.R.P.A., Société Réalisation Prototypes Automobiles, im Pariser Vorort Sarcelles wird in diesen Tagen, wo beinahe ganz Frankreich streikt,auf Hochtouren gearbeitet. Lopez’ 28 Angestellte fertigen Metallteile für Türen und Autodächer, die Multis wie Renault und Peugeot aber nur für spezielle Testwagen benötigen. Das heißt: Die Serien sind klein, immer wieder brauchen die Konzerne neue Prototypen, deren Gussformen noch lohnintensiv per Hand gefertigt werden, ehe die Maschinen sie in geringen Stückzahlen produzieren.

Unternehmenschef Lopez ist 48 Jahre alt, er trägt das graue Haar als Bürstenschnitt und kann die kollektive Aufregung um die Arbeitsmarktreform für Berufseinsteiger von Premierminister Dominique de Villepin nicht verstehen: „Wir brauchen diese Reform, sonst werden viele Kleinunternehmer keine Neueinstellungen mehr wagen. Ich muss genügend Zeit haben, um zu sehen, ob sich die jungen Leute bewähren oder nicht.“

Für Firmen wie S.R.P.A. wäre der von Villepin geplante Arbeitsvertrag CPE (Contrat première embauche) perfekt, betont Lopez. Das bringe ihm die nötige Flexibilität. Sechs Monate Probezeit wie bisher seien einfach zu kurz.

Das Gesetz sieht eine zweijährige Kündigungsfrist vor, in der Angestellte bis zum Alter von 26 Jahren ohne Angabe von Gründen gekündigt werden können. Die Regierung hofft, den Unternehmern so neue Anreize für die Einstellung junger Arbeitsloser zu bieten.

Im vergangenen November hatte die hohe Jugendarbeitslosigkeit mit knapp 23 Prozent in Frankreich zu tagelangen schweren Ausschreitungen geführt. Banden waren durch die Pariser Vorstädte, in denen sogar fast jeder zweite Jugendliche arbeitslos ist, gezogen und hatten sich heftige Straßenschlachten mit der Polizei geliefert.

Nun aber wird das neue Gesetz vor allem von jenen verteufelt, für deren Förderung es eigentlich gedacht ist. Am Dienstag haben Studentenorganisationen mit Hilfe der Gewerkschaften nahezu das gesamte Land lahm gelegt. Aus fast allen Großstädten wurden Kundgebungen gemeldet. Allein in Marseille gingen 250 000 Menschen auf die Straße, noch mehr waren es in Paris.

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