Reportage
Her mit dem BMW!

Wer in Argentinien seine Steuern zahlte, galt lange als spießig. Doch damit soll jetzt Schluss sein. Eine Handelsblatt-Reportage darüber, wie der Steuereintreiber Santiago Montoya in Buenos Aires die Reichen zur Kasse bittet, um Argentinien vor der nächsten Finanzkrise zu bewahren.

BUENOS AIRES. Inmitten eines Pulks aus Polizisten, Steuerbeamten, Neugierigen und Fotografen steht ein etwas staubiger, sonst jedoch tadelloser schwarzer BMW. Ein älterer Mann mit Bart und seine Frau blinzeln sichtlich gestresst ins Blitzlichtgewitter. Die beiden haben sich vor ihrem Haus in ihrem Auto eingeschlossen.

Mit dem Sit-in wollen sie verhindern, dass die importierte Limousine vom argentinischen Finanzamt konfisziert wird. Das Paar hat vier Jahre lang die Kraftfahrzeugsteuer nicht bezahlt und so dem Staat fast 5 000 Dollar vorenthalten. Die will der nun endlich haben.

Das jämmerliche Schauspiel fand kürzlich in Miraflores statt, einer Luxus-Wohnsiedlung am Rande von Argentiniens Hauptstadt Buenos Aires. Für Santiago Montoya war es ein Festtag. Der oberste Steuereintreiber der Provinz Buenos Aires, der reichsten Provinz Argentiniens, hat die größte Kampagne gegen Steuerhinterziehung in der Geschichte seines Landes losgetreten. Und der 46-Jährige ist so erfolgreich, dass die Gejagten nur noch Zuflucht in ihren Luxusautos finden – für ein paar Stunden.

Wie anderswo in Lateinamerika galt es auch in Argentinien lange als spießig, Steuern zu zahlen. Kein Wunder, denn die Kontrollen und Sanktionen waren lasch. Damit ist Schluss, seit Santiago Montoya vor vier Jahren in Buenos Aires seine Schocktherapie gegen die Steuerphobie startete.

Der Steuereintreiber will so nicht nur die Steuermoral auf einen europäischen Stand erhöhen. Er will sein Land auch von den seit Jahrzehnten regelmäßig wiederkehrenden Finanzkrisen befreien.

Zu Beginn zeitigte Montoyas Kampagne rasch Ergebnisse: Das Steueraufkommen stieg jährlich um über 25 Prozent. Doch nun wird der Kampf härter. Immer wieder kommt es zu Szenen wie mit den BMW-Eignern in Miraflores. Mehr als vier Stunden hält das Pärchen in seinem Auto aus. Zwischendurch lässt sich der Mann gar durchs Autofenster ambulant behandeln – er ist herzkrank.

Seite 1:

Her mit dem BMW!

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%