Reportage
Notoperation in Amsterdam

Die Niederländer setzen seit Jahresbeginn eine Gesundheitsreform um, die in Teilen auch als Modell für Deutschland dienen könnte. Eine Sprechstunde auf holländisch.

AMSTERDAM. Es ist kurz nach 17 Uhr. Jos Rensing lässt sich in seinen Schreibtischsessel fallen, wippt leicht nach hinten, dann nach vorne. Er faltet die Hände auf der hölzernen Tischplatte. Soeben hat er an diesem Tag seinen letzten Patienten verarztet. Ein Rentner, der schlecht hört und dessen blasse Haut der Doktor regelmäßig nach auffälligen Veränderungen untersuchen muss.

Hausarzt Rensing trägt einen schwarzen Pullover über einem hellen Hemd, er nimmt die Brille ab, reibt sich die müden Augen und sagt: „Feierabend, aber jetzt geht die Arbeit erst so richtig los.“

Seit dem 1. Januar schreibt er oft noch bis abends um acht Uhr Rechnungen oder aktualisiert Patientendaten. Eine Folge der umfassenden Gesundheitsreform, die die Niederländer seit dem 1. Januar umsetzen.

Seither haben die Patienten freie Kassenwahl. Einerseits beflügelt das den Wettbewerb, andererseits bedeutet es in der Umstellungsphase neuen Verwaltungsaufwand für Ärzte und Krankenhäuser. „Bei jedem Patientengespräch geht kostbare Zeit für Bürokratie drauf“, seufzt Rensing. Er muss jetzt jeden Patienten fragen, wo er versichert ist, und das weitet sich oft in ein Beratungsgespräch aus. „Die Leute wollen wissen, welche Versicherung ich ihnen empfehlen würde. Das Vergleichen der Leistungen ist zu einem Nationalsport geworden.“

Trotz des Aufwands – Rensing ist wie so viele seiner Landsleute überzeugt vom Erfolg der Reform, die auf zwei Schlüsselelementen fußt: einem einheitlichen Versicherungssystem ohne Trennung zwischen gesetzlichen und privaten Kassen. Das kommt dem Modell einer Bürgerversicherung nahe, wie es hier zu Lande die SPD anstrebt. Parallel dazu wurde eine neue Gesundheitsprämie eingeführt, wie sie unter dem Schlagwort der „Kopfpauschale“ die CDU empfiehlt.

Der rechtsliberalen Koalition von Jan Peter Balkenende ist damit geglückt, wovon die große Koalition in Berlin noch träumt: die Erneuerung des maroden Gesundheitssystems durch ein Modell, das linke und rechte Positionen vereint. Das alles geschieht in einem marktwirtschaftlichen Umfeld, unterliegen doch alle Krankenversicherungen nun einer privaten Rechtsform, allerdings unter staatlicher Kontrolle.

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