Reportage
Reise in den Kaukasus

Die Waffen schweigen, Russland hat die Unabhaengigkeit von Abchasien und Suedossetien anerkannt und wird sich in beiden Republiken auf Dauer mit Militaerbasen einrichten. Abseits der politischen Dimension versuchen die Menschen vor Ort, den Krieg zu verdauen. Teil 1 der Handelsblatt.com-Reportage.

WLADIWAKAS. Wer vom Flughafen in die nordossetischen Hauptstadt Wladikawkas will, kommt nach wenigen Kilometern unfreiwillig mit einer der wohl größten Katastrophen in Berührung, die in der jüngeren Geschichte über die russische Grenzregion im Kaukasus gekommen ist: Gleich neben der Straße vom Flughafen liegt der Friedhof mit den 330 Toten von Beslan. Iman der Taxifahrer aus der Kleinstadt, macht direkt einen Abstecher zu der Ruine der Schule, dem Ort der schrecklichen Geiselnahme durch tschetschenische Terroristen und ihres blutigen Endes. Trotz des warmen Spätsommerwetters ist es ein irritierender und bedrückender Ort. Die Reste des Gebäudes stehen so da, wie am Tag nach dem Massaker. In der Turnhalle, wo die meisten Opfer starben, stecken noch die geschmolzenen Basketbälle im Boden. Über die Ruine ist ein provisorisches Dach montiert, Arbeiter schrubben die Marmorverkleidung am Eingang, über den immer ein wenig Wasser hinunterläuft - im Gedenken daran, dass die Geiseln, zumeist Kinder, während ihrer tagelangen Marter keines hatten. Überall stehen frische Blumen, Spielzeug, Teddybären und Mineralwasserflaschen. Hinten im Hof mähen Männer das wuchernde Gras. Ein großes Plakat zeigt an, dass irgendwann der ganze Komplex einmal von einer Art Dom umschlossen werden soll.

Viele Leute kommen hierhin, erzählt Iman, um ein paar stille Gedenkminuten einzulegen. Als er durch die stille Nachbarschaft kurvt, zeigt er auf die Häuser in denen die Hinterbliebenen wohnen. Das waren keine Menschen, die das gemacht haben sagt er. So wie die Georgier. Das Russisch des Osseten, der selbst in Georgien aufgewachsen ist, bis der Bürgerkrieg ihn in den Neunzigern auf die Flucht zwang, ist holprig, aber das Wort Genozid geht ihm leicht von den Lippen. Die Georgier haben in Südossetien schwangere Frauen erschossen, Kinder umgebracht und noch viel gräulicheres. Gesehen hat er freilich nichts: Als er zwei russische Journalisten kurz nach dem georgischen Überfall nach Südossetien brachte, hat er sich schnell wieder auf den Heimweg gemacht. Die Georgier seien noch schlimmer als Hitler, weiß er. Denn der habe ja einen Befehl gegeben, nicht auf Frauen und Kinder zu schießen. Als die Deutschen im Krieg hier waren, hätten sie Bonbons verteilt. Willkommen im Kaukasus: Dem ethnischen Flickenteppich mit seinen tausenden offenen Rechnungen, Verletzungen, Gerüchten und Halbwahrheiten.

Nach Aussage von Amnesty International schrauben regionale russische Offizielle sowie Vertreter des Katastrophenschutzes die Version vom Genozid langsam herunter - und reden offen über ihre Erkenntnisse. Von den 2 000 Toten, die der georgische Überfall auf die abtrünnige Provinz gekostet haben soll, kann keine Rede sein. Vielleicht waren es ja 200. Aber das ist jetzt egal, der Wort Genozid verschwindet nicht mehr so schnell aus den Köpfen.

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