Reportage
Spurensuche auf Ground Zero

Fünf Jahre nach dem 11. September ist die Erinnerung der Amerikaner an die schweren Terroranschläge noch allgegenwärtig. Viele New Yorker haben ihre Trauer aber in positive Energie verwandelt. Eine Handelsblatt-Reportage über die Geschichte dreier Frauen.

NEW YORK. Edie Lutnick hält es nicht mehr aus. „Ich dachte, wir sind hier, um über die Familien zu sprechen. Stattdessen höre ich nur politische Fragen. Dann kann ich auch gehen“, sagt die Frau mit den blonden Locken und der scharfen Zunge. Es wird ganz still im Saal, einige Journalisten blicken verschämt zu Boden. Niemand wagt, der energischen Anwältin im weißen Kostüm zu widersprechen.

Die Chronik des 11.September in Bildern

Lutnick vertritt die Opfer des 11. September 2001. Sie hat ihren 36-jährigen Bruder Gary verloren, als zwei von Selbstmordattentätern gesteuerte Flugzeuge in die Zwillingstürme des World Trade Centers (WTC) rasten. Lutnick verfolgte den Einsturz der Türme am TV-Bildschirm. „Der Rauch wird immer dichter, ich glaube nicht, dass ich es schaffen werde“, waren Garys letzte Worte am Telefon. Der Anleihehändler arbeitete für die Investmentgesellschaft Cantor Fitzgerald auf dem 104. Stockwerk im nördlichen Turm.

Seit diesem Schicksalstag kümmert sich seine 46-jährige Schwester um die Hinterbliebenen der Anschläge. Ihre Karriere als Juristin hat sie aufgegeben und leitet heute den Cantor Fitzgerald Relief Fund. Erinnerung und Hilfe sind ihre Anliegen. Für den politischen Streit, ob Amerika im Kampf gegen den Terror auf dem richtigen Weg ist, bleibt wenig Platz.

So wie Lutnick denken viele. Für die meisten Amerikaner ist der 11. September vor allem eine sehr persönliche Angelegenheit. Mehr als die Hälfte der US-Bürger empfindet den heutigen Tag als „emotional schwierig“, und sie wissen nicht, wie sie mit diesem Gefühl umgehen sollen. Ein Drittel der New Yorker sagt, dass sie täglich an den Schicksalstag zurückdenken und die Terroranschläge ihr Leben dauerhaft verändert haben.

Die folgende Spurensuche versucht, die Erinnerungen an den 11. September wiederaufleben zu lassen – in Erzählungen derjenigen, die dabei waren. Nicht, um das Protokoll des Schreckens noch einmal zu dokumentieren. Sondern, weil die Erinnerung an diesen Tag darüber bestimmt, wie die Amerikaner ihr Leben und die Welt heute sehen. Beginnen wir mit der Geschichte von Debra Burlingame.

„Die Menschen wollen zu diesem Tag zurückgehen und sich erinnern“, sagt die blonde Frau. Ihre Stimme ist rau, ihre harten Gesichtszüge verraten jene Entschlossenheit, mit der sie in den vergangenen Jahren für eine Gedenkstätte und ein Museum auf Ground Zero gekämpft hat. Debra Burlingame ist die Schwester des Piloten von American Airlines 77. Jener Maschine, die vor fünf Jahren in das Pentagon in Washington stürzte.

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