Reportage
Stiche ins Herz

Während die Gewalt zwischen Palästinensern und Israelis erneut zu eskalieren droht, leben im Gaza-Streifen immer mehr Menschen in Armut. Eine Handelsblatt-Reportage über den gefährlichen und beschwerlichen Alltag im Nahen Osten.

GAZA. Auf dem Wohnzimmertisch steht eine schmuckvolle Sammlung antiker Öllampen aus Ton. An der Wand hängt ein modernes Gemälde in Beigetönen mit arabischer Kalligraphie. Am Balkongeländer vor der Wohnungstür lehnen zwei Kinderfahrräder. Die Wohnung von Ibrahim Azem, seiner Frau Nivin und den drei kleinen Kindern in Ramallah ist nicht groß. Aber die Einrichtung verrät auf den ersten Blick, dass die Bewohner zum Mittelstand gehören. Noch. Denn das Telefon ist bereits abgestellt, weil die Familie die Rechnungen seit Monaten nicht bezahlt hat.

Ibrahim, 37, und seine Frau arbeiten bei der palästinensischen Autonomiebehörde. Er ist Beamter in der Parlamentsverwaltung, sie Finanzbeamtin im Ministerium. Zusammen verdienen sie monatlich 6 600 Schekel, 1 180 Euro. Doch beide haben seit Monaten kein Gehalt mehr bekommen. Der Behörde fehlt das Geld, den Menschen jede Perspektive.

Gerade erst steuert der Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis auf einen neuerlichen Höhepunkt zu. Nach der Verschleppung eines israelischen Soldaten in den Gazastreifen läuft die Zeit für einen groß angelegten Militärschlag. Im Grenzgebiet ist eine israelische Streitmacht in Stellung gegangen, seit ein palästinensisches Kommando den 19-jährigen Gilad Schalit am Sonntag aus einem Kampfpanzer entführt und zwei weitere Soldaten getötet hat. Auf palästinensischer Seite werden in Erwartung eines Angriffs bereits Barrikaden errichtet. Während die Lage zu eskalieren drohte, gelang den rivalisierenden palästinensischen Gruppen Fatah und Hamas am gestrigen Dienstag eine grundsätzliche Einigung auf eine Zwei-Staaten-Lösung, die als indirekte Anerkennung Israels gesehen wird. Die Palästinenser betrachten das als einen Durchbruch, um den es lange einen mitunter blutigen Streit gegeben hatte.

Immer wieder Gewalt, dazu die Armut: Der Alltag im Nahen Osten ist gefährlich und beschwerlich. „Wir haben Glück, dass uns wenigstens unsere Eltern helfen“, sagt Ibrahim, ein großer, ruhiger Mann. Jeden Tag isst die Familie entweder bei seinem Vater, der einen kleinen Holzbetrieb hat, oder beim Schwiegervater, der ein Restaurant besitzt. Miete an den Vater, dem die Wohnung gehört, zahlen sie derzeit nicht. „Es ist ein schreckliches Gefühl, seinen Vater um Hilfe zu bitten, als 37-Jähriger müsste ich eigentlich meine Eltern unterstützen“, klagt Ibrahim. Der mit modischer Hose, Bluse und einem rosa Kopftuch bekleideten Nivin hat es „einen Stich ins Herz“ gegeben, als ihr sechsjähriger Sohn den Nachbarn erklärte, die Familie esse jetzt beim Opa, weil sie „arm“ sei.

Familie Azem geht es wie vielen der 160 000 Angestellten der Autonomiebehörde. Sie verfügten bisher trotz aller Krisen über ein geregeltes Einkommen, bemühten sich um eine gute Ausbildung ihrer Kinder und sind politisch gemäßigt – etwa 85 Prozent der Angestellten der Autonomiebehörde gehören der Fatah an, die Israel längst anerkannt hat.

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