Reportage
„Wir wollen keine Helden sein, bloß einen Job haben“

Ein Jahr nach der Rettung durch die EU haben die Iren den ersten Sparschock verdaut - und gelten als stoische Haushaltssanierer. Doch die Unsicherheit und der Frust in der Bevölkerung sind höher denn je. Eine Nahaufnahme
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DublinHinter hohen weißen Mauern haben sie ihr kleines Paradies versteckt. Wer es besuchen will, braucht einen Schlüssel, um ein massives zweiflügeliges Tor zu öffnen. Was sich dahinter verbirgt, ist jetzt im Herbst eher kärglich: Ein paar leere Gemüsebeete, einige Beete mit Wintersalat, dazwischen eine Bank, verblühte Lavendelsträucher und ganz hinten ein Gewächshaus mit Tomaten.

Für die Menschen, die hier drum herum wohnen, im Norden von Dublin, ist das dennoch so eine Art Garten Eden, ihr ganzer Stolz, ein preisgekröntes Vorzeigeprojekt.  „Einige Menschen sagen: Hierhin zu gehen ist so ähnlich wie eine Messe zu besuchen, denn es ist so ruhig hier, erholsam, man kann gut nachdenken“, erzählt Garvan Gallagher.

Der 37-jährige Filmemacher und Fotograf wohnt ein paar Meter davon entfernt und gehört zu denen, die die Idee hatten, eine ehemalige Müll- und Geröllhalde in Dublin in einen Gemeinschaftsgarten für die Anwohner zu verwandeln. Vor drei Jahren machten sie sich an die Arbeit, als um sie herum die Finanz- und Immobilienblase platzte, die Wirtschaft zusammenbrach und das Land in eine tiefe Rezession stürzte.

Inzwischen haben er und seine Nachbarn schon zwei Sommer hintereinander Tomaten und Gurken, Zwiebeln und Broccoli in ihrem Garten geerntet – und Irland  hat den ersten Sparschock nach der Krise verdaut. Das Land wird als vorbildlicher Sanierer in der Eurozone gefeiert – die Iren erfüllen eisern und stoisch alle Vorgaben, um ihren Ruf wiederherzustellen. Das ist zumindest das Bild nach außen. Doch trotz der Fortschritte und des Lobs, das sie bekommen, die Menschen sind unsicherer und frustrierter denn je.

Vor acht Jahren ist Magda Brady aus Polen nach Irland gekommen – auf der Suche nach Arbeit. Sie hat einen Job gefunden, zunächst als Putzfrau, später an der Rezeption in einem Hotel in der Dubliner Innenstadt. „Es war am Anfang im Prinzip so eine Art amerikanischer Traum, der wahr wurde“, erzählt die 35-Jährige. Sie hat in Irland ihren Mann kennengelernt, gemeinsam haben sie ein Häuschen gekauft, in einem der Vororte von Dublin. Und gemeinsam wollten sie sich eigentlich selbständig machen. Ihr Mann, ein Heizungsbauer, wollte ein Unternehmen gründen, sie wollte mitmachen und die Büroarbeit übernehmen.

Heute ist ihr Mann arbeitslos und sie versucht mit drei Jobs gleichzeitig, ihren gemeinsamen Lebensunterhalt zu finanzieren und den Kredit für das Haus zurückzuzahlen. Tagsüber arbeitet sie an der Hotelrezeption, abends und am Wochenende geht sie putzen und bedient in einem Restaurant. „Ich hab grundsätzlich kein Problem mit den Jobs, wir kommen ja auch irgendwie über die Runden“, sagt Brady, „es ist aber fehlende Klarheit darüber, wie lange es so weitergehen wird, wann sich die Dinge wieder zum Besseren wenden, die einen mürbe macht.“

Derzeit befürchtet sie, dass es noch schlimmer werden könnte – dass das Restaurant, in dem sie kellnert, möglicherweise schließen  muss, dass das Hotel vielleicht einige Leute entlässt.

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