Requiem für Václav Havel
Trauer, Tränen und die tschechische Trikolore

Mit einem pompösen Staatsakt nehmen die Tschechen Abschied von ihrem Helden Václav Havel. Der stets bescheidene frühere Präsident hätte so viel Prunk nur mit Ironie ertragen, meinen Freunde.
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PragDurch den Prager Veitsdom dringt die Kälte den Trauernden bis ins Mark. Vor dem Altar ziert die tschechische Trikolore den einfachen Holzsarg des Ex-Präsidenten Vaclav Havel, der sich selbst vor allem als Bürger sah. Als die Tschechische Philharmonie zu Antonin Dvoraks Requiem ansetzt, können selbst gestandene Sicherheitsbeamte auf der Empore die Tränen nicht mehr zurückhalten.

Der am Sonntag nach langer Krankheit gestorbene Havel hatte sich nie seiner selbst Willen in den Vordergrund gedrängt. „Sein Credo waren die Menschenrechte“, erinnert sich ein Havel-Vertrauter. Wie kaum ein anderer gab Havel den Menschen im bleiernen Kommunismus Hoffnung auf ein Leben in Freiheit. Neben seinem mit einer schwarzen Schleife versehenen Porträt leuchten am Freitag die vier Kerzen des Adventskranzes, als Zeichen der Hoffnung auf Gottes Heil.

In der in Tschechien beschönigend „Normalisierung“ genannten Zeit nach dem Warschauer-Pakt-Einmarsch von 1968 zeigte Havel mit anderen Künstlern, dass man sich gegen den Willen der Machthaber auflehnen musste. Das danken ihm viele bis heute. Außenminister Karel Schwarzenberg verspricht seinem alten Weggefährten am Sarg: „Herr Präsident Havel, wir werden weiter dafür kämpfen, dass Wahrheit und Liebe siegen. Wir werden nicht nachlassen. Darauf können Sie sich verlassen.“

Als Geschützsalven die Mauern der Kathedrale erschüttern und der Sarg des verstorbenen Präsidenten durch das goldene Tor auf den Vorplatz getragen werden, geht auch ein böhmisches Märchen zu Ende. Frühere politische Gefangene - Dichter, Schauspieler und ehemalige Heizer - hatten in den 1990er Jahren höchste Ämter erreicht. Sie brachten frischen Wind und eine ungeheure Euphorie in die mächtige Prager Burg.

Havels Freund und persönlicher Fotograf Oldrich Skacha war immer dabei und begleitete den Dramatiker nun auch auf seinem letzten Weg. Er kannte ihn seit 1967, der Aufbruchszeit des Prager Frühlings. „Ich habe seinen Tod als Befreiung eines Menschen empfunden, der wirklich gelitten hat“, sagte der enge Vertraute Havels vor der Trauerfeier.

Seine zunehmende körperliche Ohnmacht habe den Dramatiker deprimiert, dessen Gesundheit auch durch die langen Gefängnisaufenthalte gebrochen wurde. Eine Woche vor seinem Tod habe Havel dennoch nicht auf die Begegnung mit dem Dalai Lama, dem geistigen Oberhaupt der Tibeter, verzichtet. „Wir glauben, dass Vaclav ihn zum Abschied sehen wollte“, berichtete Skacha. Spirituell sei er mit dem Dalai Lama auf gleicher Welle gewesen. Havel habe dessen Lebensglauben und ungeheuren Optimismus bewundert.

Wie hätte der äußerst bescheidene Havel die von einigen wenigen als zu pompös kritisierten fünftägigen Trauerfeierlichkeiten beurteilt? „Er war ein Theatermensch, der die Dinge von ihrer szenischen Seite zu betrachten wusste“, sagte der Theologe und frühere Havel-Vertraute Tomas Halik. „Ich denke, er würde es mit einer gewissen Ironie sehen.“

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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