Reserven sind aufgebraucht

Türkischer Polizei geht das Tränengas aus

In der Türkei schlagen die Minister harte Töne an und lassen sich keine Kritik aus der EU gefallen. Trotzdem bringen immer mehr Türken ihren Protest zum Ausdruck – während die Polizei neues Tränengas bestellt.
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Mit großen Mengen an Tränengas ging die Polizei gegen Demonstranten vor. Quelle: dpa

Mit großen Mengen an Tränengas ging die Polizei gegen Demonstranten vor.

(Foto: dpa)

IstanbulBei den Demonstrationen der vergangenen drei Wochen hat die türkische Polizei 130.000 Patronen mit Reizgas verschossen. Jetzt leeren sich die Lager. Es sei nun geplant, kurzfristig 100.000 Patronen Tränengas und Pfefferspray zu beschaffen, um die Bestände aufzufüllen, berichtet die Zeitung „Milliyet“. Als Teil einer Ausschreibung sollten zudem 60 weitere Wasserwerfer beschafft werden.

Der massive Einsatz von Tränengas gegen Demonstranten wurde international als unverhältnismäßig kritisiert. Zudem wird verurteilt, die Polizei habe gezielt und auf kurze Distanz direkt auf Demonstranten geschossen und Tränengasgewehre damit praktisch wie scharfe Waffen eingesetzt.

Der brutale Kurs Ankaras gegen die Protestbewegung entfremdet die Türkei und die EU immer mehr. Nachdem Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan Kritik der EU mehrfach scharf zurückgewiesen hat, sagte Justizminister Sadullah Ergin seine Teilnahme an einer Konferenz zu Medien und Meinungsfreiheit in Brüssel ab. Das berichteten türkische Medien am Mittwoch.

EU-Minister Egemen Bagis sagte, die Türkei sei nicht auf die EU angewiesen. „Wenn nötig können wir ihnen sagen: Junge, zieh Leine“, sagte Bagis demnach. Der Übergang der Oppositionsbewegung zu stillem Protest hat die Spannungen in der Türkei aber zunächst verringert.

Stummer Protest: Schweigen gegen die Staatsmacht

Die Polizei ging am frühen Mittwoch in der westanatolischen Stadt Eskisehir mit Wasserwerfern und Tränengas gegen weitere Proteste vor. Die Polizei habe von Demonstranten errichtete Barrikaden geräumt und ihre Wasserwerfer auch auf Wohnungen gerichtet, in die sich Demonstranten geflüchtet hätten, berichteten Aktivisten. In der etwa 600.000 Einwohner zählenden Stadt hatte es in den vergangenen Wochen mehrfach Demonstrationen gegen die Regierung gegeben.

Inzwischen nutzen aber immer mehr Menschen die neue Form des Protests: Sie stehen stundenlang einfach nur still. Auf dem zentralen Taksim-Platz in Istanbul waren bis in die Nacht mehrere hundert schweigende Menschen versammelt. Sie protestierten gegen die aus ihrer Sicht autoritäre Regierung und die Polizeigewalt der vergangenen Tage. Am Mittwoch standen weiter Menschen aus Protest still. Ein türkischer Choreograph hatte in der Nacht zum Dienstag als „Stehender Mann“ stundenlang auf dem Taksim-Platz verharrt und damit die neue Protestform initiiert.

Die Taksim-Plattform kritisierte die Festnahmen von Aktivisten der vergangenen Tage, bei denen auch Anti-Terror-Einheiten im Einsatz waren. Die Gruppe, die zu den Organisatoren der Demonstrationen gehört, warnte vor einer Hexenjagd.

Die landesweite Protestwelle hatte sich an der brutalen Räumung eines Camps von Demonstranten im Gezi-Park in unmittelbarer Nachbarschaft des Taksim-Platzes entzündet. Das Lager wurde am vergangenen Wochenende zum zweiten Mal geräumt. Die Regierung plant dort den Nachbau einer osmanischen Kaserne mit Wohnungen, Geschäften oder einem Museum.

  • dpa
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16 Kommentare zu "Reserven sind aufgebraucht: Türkischer Polizei geht das Tränengas aus"

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  • @ melissa

    Ja, da gebe ich Ihnen Recht. Leider ist das hier bei vielen Artikeln so. Da darf sich dann niemand wundern, wenn das HB die Kommentarfunktion deaktiviert ...

  • Beim Lesen mancher Kommentare zu diesem Artikel frage ich mich tatsächlich, ob es eine automatische Weiterleitung von dem Vier-Buchstaben-Boulevardblättchen zu diesem Artikel gegeben hat; oder gar, ob der Link zu dieem Artikel in einen Stammtisch gekratzt worden ist. Einige Kommentare sind beschämend, hetzerisch und mindestens niveaulos.

  • Zur Zeit ist die Seite der Firma aber "wegen Wartungsarbeiten" nicht aufrufbar ... ob es da wohl schon viele böse mails gab ???

  • Bisher hat die brasilianische Firma "Condor Tecnologias Não-Letais S.A." mit Sitz in Rio de Janeiro die Türkei mit Tränengas beliefert. (Quelle: http://deutschsprachigeinbrasilien.blogspot.de/2013/06/liebe-deutschsprachige-in-brasilien-in.html)

    Das werden die wohl auch in Zukunft tun ...

  • Auf Grund dieser Ereignisse sollten die EU-Verhandlungen nicht nur ausgesetzt werden sondern gestoppt auf Ewig, Ende, Aus vorbei.
    Es ist eh kein europäisches Land und die hier lebenden Landsleute von Erdogan, ob mit oder ohne dt. Paß, sollten sollten schnell zurück in ihr gelobtes Land. Dann können sie auch die finaziellen Mittel für den Moscheenbau in Deutschland im Heimatland einsetzen.

  • Das Tränengas geht aus? Leider ist die falsche Regierung in Deutschland an der Macht. Aber Geduld , Freunde lässt man nicht im Stich. Die Anhänger Erdogan also die Mehrzahl der Türken hier, wird vermutlich Sammelaktionen starten für ihren Führer.
    Vielleicht findet sich auch noch ein Fernsehsender der eine Gala startet. Mittlerweile ist im Deutschen TV nicht mehr unmöglich.

  • Wenn die Lieferfirmen, egal wo sie sind, die diese Dinge leifern, jetzt Charakter hätten, dann würden sie der Türkei signalisieren, dass sie leider Lieferschwierigkeiten hätten

  • rokober
    dazu war gestern ein guter Beitrag im TV.
    Eine große Anzahl der hier lebenden Türke unterstützen Erdogan und beschimpfen die, die gege Erdogan auf die Straße gehen auch bei uns.
    Ich denke, diese Erdogan-Türken sollten dann auch so viel Mut haben und unser Land verlassen

  • Nun ja: die Türken sollen sich ja immens vermehren, nach dem Willen ihres Erdogan. Gilt das auch für die deutschen Türken? Wenn ja, wie lange dauert es dann, bis die Türken die Mehrheit in Deutschland haben und wir mit der Türkei zusammen geschlossen werden? Hat das schon jemand hoch gerechnet?
    Einfache Lösung: wir schicken alle Türken, die keinen deutschen Paß haben wollen, wieder zurück in ihr gelobtes Land, wo sie ihren Islam voll ausleben können!

  • jetzt zeigt die Türkei ihr wahres Gesicht--wenn die in die EU eintreten, trete ich aus!!!!!!

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