Revolte in Ägypten
Mubaraks Abgang erschüttert den Nahen Osten

In Ägypten bringen sich Mubaraks Nachfolger schon in Stellung - doch die Schockwellen seines Rücktritts beginnen gerade erst, den Nahen Osten zu erschüttern: Die Massenproteste im Jemen verschärfen sich, ein neuer Konflikt zwischen der Hamas und der Palästinenserregierung zieht auf.
  • 0

Kairo/Sanaa/RamallahNach dem Sturz von Präsident Husni Mubarak drängen jetzt ehemalige ägyptische Regierungsmitglieder an die Macht, die sich einst mit Mubarak überworfen hatten. Der ehemalige Vize-Außenminister Abdullah al-Aschal sagte der Zeitung "Al-Sharq Al-Awsat", er sehe sich als Kandidaten für die nächste Präsidentschaftswahl. Der Minister hatte seinen Posten 2003 unter Protest verlassen, weil sich Ägypten seiner Ansicht nach nicht eindeutig genug gegen die US-Invasion im Irak positioniert hatte.

Zuvor hatte bereits der Generalsekretär der Arabischen Liga, Amre Mussa, seine Absicht zur Kandidatur für das höchste Amt erklärt. Er war von 1991 bis 2001 Außenminister Ägyptens. Mubarak soll ihn damals zur Liga weggelobt haben, weil ihm Mussas Beliebtheit verdächtig erschienen war.

Auch der ehemalige Ministerpräsident Kamal al-Ganzuri hofft möglicherweise auf ein Comeback. Er sagte der Kairoer Tageszeitung "Al-Masry Al-Yom", Mubarak habe ihn 1999 abgesägt, weil er "zu populär" geworden sei - al-Ganzuri war seit 1996 Regierungschef. Viele Ägypter, die sich an Al-Ganzuris Amtszeit erinnern, würden diese Interpretation jedoch bestreiten.

Im Jemen werden die Prostete durch Mubaraks Rücktritt gewalttätiger: Am Montag demonstrierten in der Hauptstadt Sanaa etwa 500 Regierungsgegner. Sie riefen die gleichen Slogans, die in der vergangenen Woche auf dem Tahrir-Platz in Kairo zu hören gewesen waren: "Das Volk will den Sturz des Regimes" und - an die Adresse von Staatspräsident Ali Abdullah Salih - "Verschwinde!"

Ihnen standen nach Angaben von Augenzeugen etwa 100 Gegendemonstranten gegenüber, die Bilder des Präsidenten in die Höhe hielten. Es war bereits der vierte Tag in Folge, an dem im Jemen demonstriert wurde.

Am Sonntag war es bei einer größeren Demonstration in Sanaa zu schweren Zusammenstößen zwischen Regierungsgegnern und den Sicherheitskräften gekommen. Die Polizei hatte mehrere Demonstranten und Journalisten vorübergehend festgenommen.

Nicht nur im Jemen, vor allem am wichtigsten Brennpunkt des Nahost-Konflikts deutet sich durch Mubaraks Abgang Instabilität und neuer Ärger an: Quasi in vorauseilendem Gehorsam ist am Montag die Palästinenser-Regierung im Westjordanland zurückgetreten. "Es wird so bald wie möglich ein neues Kabinett gebildet", sagte Planungsminister Ali Dscharbawi.

Aus Behördenkreisen verlautete, Ministerpräsident Salam Fajjad habe von Präsident Mahmud Abbas den Auftrag erhalten, eine neue Regierung zusammenzustellen. Angesichts der anhaltenden Unzufriedenheit in der Bevölkerung über Vetternwirtschaft dringt Fajjad schon länger auf eine Kabinettsumbildung. Mit der Umstellung will Abbas' Fatah-Partei nun offenbar lieber selbst Druck von der Regierung nehmen, bevor sie wie Mubarak in Ägypten von alleine in die Schusslinie gerät.

Der Rücktritt der Palästinenser-Regierung könnte eine weitere schwere Konsequenz für den Frieden im Nahen Osten haben: Am Samstag hatte die Regierung angekündigt, Parlaments- und Präsidentenwahlen bis September abhalten zu wollen. Die Palästinenser-Regierung kontrolliert aber faktisch nur das Westjordanland - im Gazastreifen hat 2007 die radikal-islamische Hamas die Macht an sich gerissen. Die Islamisten erklärten dagegen, sie würden sich weder an der Abstimmung beteiligen noch das Ergebnis anerkennen. Der Bruderkrieg zwischen den rivalisierenden Palästinenser-Fraktionen dürfte damit wieder neu aufflammen.

Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur
Agentur
dapd 
DAPD Deutscher Auslands-Depeschendienst GmbH / Nachrichtenagentur
Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Revolte in Ägypten: Mubaraks Abgang erschüttert den Nahen Osten"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%