Revolution in Libyen
In Tobruk ist Gaddafi bereits Geschichte

In Tripolis erschießen Gaddafis Häscher weiter wahllos Menschen, doch in Tobruk haben die Aufständischen bereits gesiegt. Eine Reise ins Libyen nach Gaddafi gibt eine Ahnung davon, was seinem Sturz folgen könnte.
  • 2

TobrukGut eine Woche ist vergangen seit dem ersten „Tag des Zorns“ gegen Muammar al-Gaddafi, dem „Führer der Führer Arabiens, König der Könige Afrikas und Imam aller Muslime“ – wie er sich selbst zu titulieren pflegt. Und die Stadt Tobruk feiert. Für ihre 160.000 Einwohner ist Gaddafis Regime bereits Geschichte. In der 1500 Kilometer entfernten Hauptstadt Tripolis dagegen lässt der blindwütige Despot weiter auf Männer, Frauen und Kinder schießen.

Auf dem ehemaligen Königsplatz im Zentrum von Tobruk dagegen braucht man sich nur ein Mal im Kreis zu drehen – und hat den gesamten Aufstand des Volkes vor Augen. So liegen vor dem Haus der Revolutionären Volkskomitees noch die Splitter von Gaddafis Grünbuch. Bilder von Demonstranten, die am ersten „Tag des Zorns“ die Betonskulptur vom Sockel stürzten, gingen um die ganze Welt.

Idris Kamiss ist Meteorologe. „Ich bin fünfzig Jahre alt. Vierzig Jahre habe ich auf diesen Tag gewartet“, ruft er inmitten der brodelnden Menge. Auf die Frage nach seiner politischen Wettervorhersage für Libyen zögert er keine Sekunde – es gibt noch einen schweren Sturm, sagt er. „Und dann scheint die Sonne“. Hinter ihm zieht ein junger Schüler durch die Menge mit dem Plakat „Schach matt für den König der Könige Afrikas“.

Auf dem Dach der völlig ausgebrannten Polizeistation tanzen Menschen und hissen wieder die alte Landesflagge aus Zeiten der Monarchie. Der Hof liegt voll mit ausgebrannten Autos, alle Zellen und Büros im Inneren sind nur noch schwarze Löcher. Unter Gejohle und Gewehrsalven wird an der Außenwand eine Gaddafi-Puppe hochgezogen. Das Gebäude der Bankzentrale dagegen thront unbeschädigt über der Menge - genauso wie gegenüber am Rande des kleinen Mittelmeerhafens die Ölraffinerie der Stadt.

Junge Leute hatten Tag und Nacht vor der hölzernen Flügeltür der Bank campiert, um eine Plünderung zu verhindern. Und ein Offizier verweigerte den Befehl aus Tripolis, die Ölanlage in ein flammendes Inferno zu verwandeln. „Gaddafi, hau ab“ flattert als Banderole an dem Minarett der Hauptmoschee. Autos mit jubilierenden jungen Männern kreisen als lärmende Konvois. In dem Gewühl schreien sich die Menschen vier Jahrzehnte Frust und Unterdrückung aus dem Leib.

Sie überschlagen sich mit ihren Klagen über das Regime, keiner kann den anderen ausreden lassen. Jeder will seine Verachtung zu Protokoll geben. „Er hat uns Ratten genannt, er soll zum Teufel gehen“, rufen sie. „Wir sind ein reiches Land und eine armes Volk – wie kann das sein“, geht ein anderer dazwischen. „Es gab keine Freiheit, keine guten Kliniken, Schulen oder Universitäten“, deklamiert ein Dritter. Etwas Negatives über den großen „Bruder Führer“ zu sagen, sei tabu gewesen. Wer es dennoch tat, riskierte Prügel und Folter durch Gaddafis Revolutionswächter.

Seite 1:

In Tobruk ist Gaddafi bereits Geschichte

Seite 2:

Seite 3:

Seite 4:

Kommentare zu " Revolution in Libyen: In Tobruk ist Gaddafi bereits Geschichte"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Freuen wir uns mit den mutigen Menschen die 40 Jahre auf diesen Augenblick gewartet haben, und freuen wir uns auf die Zeit wenn diese späte Gerechtigkeit auch in Europa die Strippenzieher hinwegfegen wird, die diese mörderische Marionette bewegt hat. Wir haben vor der eigenen Haustür genug zu fegen, nicht war Herr Berlusconi und Konsorten.

  • Freuen wir uns mit den mutigen Menschen die 40 Jahre auf diesen Augenblick gewartet haben, und freuen wir uns auf die Zeit, wenn diese späte Gerechtigkeit auch in Europa die Strippenzieher hinwegfegen wird, die diese mörderische Marionette bewegt hat. Wir haben vor der eigenen Haustür genug zu fegen, nicht war Herr Berlusconi und Konsorten.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%