Rezession
Bulgarien lebt von den Reserven

Bulgariens Wirtschaft schrumpft, weil besonders die Stahl-, Textil- und Baubranche des Balkanlandes von der weltweiten Krise betroffen sind. Weil jahrelang Haushaltsüberschüsse erwirtschaftet wurden, kann die Politik auf die Probleme mit erhöhten Staatsausgaben reagieren.

SOFIA. Die Weltwirtschaftskrise erreicht auch Bulgarien. Während das Bruttoinlandsprodukt (BIP) des kleinen Balkanlandes 2008 noch um sechs Prozent gewachsen war, droht am Schwarzen Meer in diesem Jahr der Absturz in die Rezession: „Ich erwarte ein Minus von drei bis vier Prozent“, sagt Bertram Rollmann, Präsident der Deutsch-Rumänischen Handelskammer in Sofia. Massive Einbrüche sind bereits in der Baubranche und in der Textilwirtschaft zu spüren.

Bulgarien gilt immer noch als wirtschaftliches Musterland in Südosteuropa. Seit 2003 hat das Land mit knapp sieben Millionen Einwohnern Haushaltsüberschüsse erwirtschaftet. Ein Devisenpolster von ungefähr 25 Mrd. Lewa (zwölf Mrd. Euro) gibt dem Staat zusätzliche Rückendeckung. Größtes wirtschaftliches Problem Bulgariens ist das hohe Leistungsbilanzdefizit. Es könnte sich noch vergrößern, wenn ausländische Investoren bei einer Verschärfung der Krise noch mehr Geld aus Bulgarien endgültig abziehen sollten.

Auch Kammerpräsident Rollmann bescheinigt der Regierung, dass sie in den vergangenen Jahren eine vernünftige Politik betrieben hat. „Von diesem Polster sollte sie jetzt zehren können“, sagt Rollmann, der selbst mittelständischer Textilproduzent im Süden des Landes ist. Allerdings äußert er auch Zweifel, ob die geschaffenen Reserven jetzt in der Krise reichen werden. Die Stahlindustrie liege in Bulgarien danieder, die Bauwirtschaft melde Auftragseinbrüche von 60 bis 70 Prozent, in der Textilbranche seien es 20 bis 40 Prozent. Deshalb sei es auch sehr unwahrscheinlich, dass die offizielle Wachstumsprognose der Regierung von plus einem Prozent noch lange gehalten werden könne. Auslandsinvestitionen seien ebenfalls rückläufig.

Angesichts der steigenden Arbeitslosigkeit hat die Regierung in Sofia bereits damit begonnen, die freie Bewegung von Arbeitskräften einzuschränken. So dürfen beispielsweise Arbeitnehmer aus der Ukraine nicht mehr nach Bulgarien geholt werden. Die Deutsch-Bulgarische Kammer rät der Regierung trotz der vorhandenen Haushaltsüberschüsse, schnell erste Sparmaßnahmen im staatlichen Haushalt einzuleiten.

Doch genau das fällt Regierungschef Sergei Stanishev im Moment ziemlich schwer. Anfang Juli sollen die Bulgaren ein neues nationales Parlament wählen. Da der Wahlkampf in und um Sofia bereits begonnen hat, ist bis zum Wahltermin nicht mehr mit einschneidenden Sparschnitten zu rechnen. „Die Regierung hat lange Zeit behauptet, dass es in Bulgarien überhaupt keine Krise gibt“, meint Kammer-Geschäftsführer Mitko Vassilev. Sogar aus der Regierung kommen Klagen darüber, dass in Sofia im Moment politisch und wirtschaftlich nicht mehr viel passiert: „Gut, dass bald gewählt wird“, sagt Meglena Plugtchieava, stellvertretende Premierministerin und sozialistische Parteikollegin von Stanishev, die vor einem Jahr noch bulgarische Botschafterin in Berlin war.

Bulgarien könnte das Schicksal seiner Nachbarn Rumänien und Serbien noch erspart bleiben – nämlich beim Internationalen Währungsfonds (IWF) um Unterstützung in Milliardenhöhe anfragen zu müssen. „Wenn Reformen kommen, brauchen wir den Währungsfonds nicht“, betont Georgi Angelov, Volkswirt am Think-Tank Open Society Institute in Sofia. „Die recht hohen Reserven von Staat und Nationalbank sollten eigentlich reichen“, unterstreicht er. Auf das Geld des Währungsfonds sei das Land also nicht unbedingt angewiesen. Der IWF könnte allerdings mit seinen Einflussmöglichkeiten dafür sorgen, dass sich Bulgarien in Zukunft noch sparsamer und der Krise angemessen verhalte.

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