Richtlinie zum Schutz vor Sonnenstrahlen entschärft
EU-Arbeitnehmer dürfen nackte Haut zeigen

Arbeitnehmer in der EU dürfen vorerst weiter selbst entscheiden, wie viel nackte Haut sie bei Arbeiten im Freien der Sonne aussetzen.

BRÜSSEL. Das europäische Parlament hat gestern mit den Stimmen von Konservativen und Liberalen eine Richtlinie der EU-Kommission entschärft, die vor den Gesundheitsschäden durch zu hohe Strahlung schützen soll. Gastronomen hatten befürchtet, die Direktive komme einem „Dirndl-Verbot“ für Bedienungen in Biergärten gleich, die Bauwirtschaft hatte vor hohen Kosten für den Schutz ihrer Beschäftigten vor der Sonne gewarnt.

„Wir haben ein Zeichen für ein bürgernahes Europa und gegen bürokratischen Irrsinn gesetzt“, sagte der Europaabgeordnete Thomas Mann (CDU). Anlass der heftigen Kritik von Arbeitgeberverbänden und vielen EU-Abgeordneten an dem hämisch „Sonnenschein-Richtlinie“ getauften Regelwerk war, dass die Kommission nicht nur künstliche Strahlen wie Laser und Schweißlicht aufs Korn genommen hat, sondern auch die Sonne selbst. Die Arbeitgeber sollten verpflichtet werden, das Risiko der Sonnenstrahlung etwa bezüglich Hautkrebs zu bewerten und wenn nötig für ihre Mitarbeiter einen „Aktionsplan“ vorzulegen.

Diesen Teil der Richtlinie hat das europäische Parlament nun gekippt. Die Mehrheit der Abgeordneten beschloss statt dessen, dass es den Mitgliedstaaten selbst überlassen bleibt, ob sie Vorschriften zum Schutz vor der Sonne erlassen. Angenommen wurden nur die Grenzwerte für künstliche Strahlen. Es sei „völlig abwegig“, den Sonnenschutz von Finnland bis Griechenland einheitlich regeln zu wollen, begründete der CDU-Abgeordnete Mann das Votum des Parlaments. Die Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft lobten, dass eine „praxisferne Reglementierung“ verhindert worden sei.

Sozialdemokraten und Grüne dagegen äußerten sich enttäuscht. Die SPD-Abgeordnete Karin Jöns warf Konservativen und Liberalen vor, der Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz sei für sie nur ein Lippenbekenntnis. Allein in Deutschland würden jährlich 100 000 Menschen an Hautkrebs erkranken.

Noch hat Jöns aber die Hoffnung, dass die Richtlinie doch wieder verschärft wird. Weil nicht nur die Kommission, sondern auch alle EU-Mitgliedsstaaten einschließlich Deutschland den Sonnenschutz europaweit verbindlich regeln wollten, ist nun ein Vermittlungsverfahren nötig. Dieses kann sich bis nächstes Jahr hinziehen. EU-Sozialkommissar Vladimir Spidla betonte nach dem Parlamentsbeschluss, die Brüsseler Behörde müsse für die Beschäftigten den höchstmöglichen Schutz garantieren. Die deutsche Wirtschaft reagierte beunruhigt. „Wir fordern eine Umsetzung der Änderungsbeschlüsse des Parlaments ohne Abstriche“, erklärten ihre Spitzenverbände.

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