Risikofaktor Tschernobyl „Einsturz des Sarkophags nicht auszuschließen“

Experten beklagen den Zustand der Atomruine von Tschernobyl und kritisieren, dass elf Reaktoren baugleichen Typs noch am Netz sind. Mängel gibt es auch an AKW in der EU. Ein neues Gesetz zur Atomsicherheit ist geplant.
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Eine Außenaufnahme von 1999 zeigt den Sarkophag, der in Tschernobyl bis heute den Reaktor 4 umgibt. Quelle: ap

Eine Außenaufnahme von 1999 zeigt den Sarkophag, der in Tschernobyl bis heute den Reaktor 4 umgibt.

(Foto: ap)

DüsseldorfDas Bundesumweltministerium zeigt sich besorgt über den Zustand der Atomruine von Tschernobyl. Auf dem Gelände war im Februar das Dach einer Maschinenhalle unter Schneemassen eingestürzt. Das ukrainische Zivilschutzministerium meldete, es sei keine Radioaktivität ausgetreten – dennoch wurden französische Arbeiter sicherheitshalber abgezogen. In dem Bericht des Umweltministeriums, der Handelsblatt Online vorliegt, heißt es zu dem Vorfall: Zwar seien die die Schwachstellen bekannt und Stabilisierungsmaßnahmen geplant gewesen, „im Ergebnis des Evaluierungsprozesses wurde jedoch schließlich auf der Basis von durchgeführten Abschätzungen auf diese verzichtet.“ Kritische Stimmen hätten darauf verwiesen, dass „die Zuständigen im KKW Tschernobyl und in der Regierung wegen fehlender Finanzmittel notwendige Instandsetzungsmaßnahmen unterlassen (Einsparungen) und auch die Kontrolle des Sarkophags und des havarierten Blockes zu stark vernachlässigt hätten.“

Grundsätzlich, so das Fazit der Untersuchung, „können auch in anderen Bereichen des Blockes 4 des KKW Tschernobyl Schäden am Baukörper nicht ausgeschlossen werden. (...) ein Einsturz des Sarkophags, der zu einer Freisetzung von radioaktiven Stoffen in die Umgebung des Standorts führen würde, (kann) nicht ausgeschlossen werden.“

Der Bericht war auf Anfrage von Sylvia Kotting-Uhl, atompolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, erstellt worden. „Offensichtlich gibt es viele ernstzunehmende Sicherheitsdefizite in Tschernobyl, die aus Geldmangel nicht behoben, sondern immer schlimmer werden“, sagt sie im Gespräch mit Handelsblatt Online. „Es muss sich endlich darum gekümmert und kontrolliert werden, dass das Geld zielgerichtet verwendet wird. Sonst wird es auch schwierig, zusätzliches Geld aufzutreiben.“

Außerdem will sie EU-Kommissionspräsident Günther Oettinger schriftlich auffordern, den Druck auf die russische Regierung zu erhöhen, um die Stilllegung von Reaktoren, die dem Tschernobyl-Typ entsprechen, zu erreichen. Das Schreiben soll noch heute rausgehen. Damit kam sie einer Empfehlung von Wladimir Kuznetsov nach. Der Direktor des Nuklear- und Strahlungssicherheits-Programms von Green Cross Russland hatte im Umweltausschuss vorgesprochen und teilte auf Nachfrage von Handelsblatt Online mit: „Es laufen in Russland noch elf solcher Blocks. Um den Betrieb zu stoppen, sollte Deutschland und die EU politischen und wirtschaftliche Druck auf Russland ausüben.“

Auch für Heinz Smital, Kernphysiker und Atomexperte von Greenpeace, ist es „schockierend, dass immer noch elf Reaktoren dieses Typs in Betrieb sind“. Er verweist auch auf die Widersprüchlichkeit: „Zum einen wird der Reaktortyp für den Unfall verantwortlich gemacht und dann lässt man andere Reaktoren gleichen Typs laufen.“ Den Verhandlungsspielraum der EU außerhalb der eigenen Grenzen hält er allerdings für gering.

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10 Kommentare zu "Risikofaktor Tschernobyl: „Einsturz des Sarkophags nicht auszuschließen“"

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  • Hallo EDBXX..bei den Atombombenversuchen wurden je Versuch z.B. 1 Kg U235 gespalten. Diese wurden vollständig in die Atmophäre abgegeben. Es ab einige 100 oberirdische Atombombenversuche. Der Kernreaktor des verunfallten Kernkraftwerks Tschernobyl enthielt einige 100 Kg Spaltprodukte. Durch den Graphitbrand wurde ein erheblicher Teil des radioaktiven Inventars in die Atmosphäre gebracht.

    Zugunsten des Vergleichs spricht am ehesten dass der grösste Teil der Radioaktivität aus dem Unfall 1986 abgeklungen ist.

    Zugunsten der Betrachtung spricht, dass bei den Atombombenabwürfen die wenigsten Opfer radioaktiver Strahlung zum Opfer gefallen sind.

    Vandale

  • Haha,
    der letzte Satz spricht Bände. Dann folgen Sie mal weiter dem geistigen Horizont der aktuellen Kamera.

  • Tausende von Atombombenversuche bis 1961 in allen Luft-und Obererflächennahen Schichten haben solche Menge von radioaktiven Nukleiden freigesetzt und auf der Erdoberfläche verteilt, dass die kleine Staubwolke bei einem Einsturz des Sakrophags vernachlässigbar ist. Ich bezweifle überhaupt, dass er einsturzgefährdet ist.
    Hier versuchen eher einige Proviteure eine Hysterie zu schüren. Die einen hoffen damit im kommenden Wahlkampf besser abzuschneiden, die anderen hoffen darauf einen fetten Anteil an den locker gemachten Geldern für den neuen Sakrophag in ihre Tasche umleiten zu können.

  • Und Uranerz bringt der Weihnachtsmann?

  • Hallo Philosoph...meines Wissens kommen jährlich viele Menschen bei Arbeitsunfällen an Windmühlen und Solardachanlagen ums Leben. Allein bei der Installation der Meereswindmühlen gab es letztes Jahr gem. Focus 5 tödliche Unfälle. Die Stromeinspeisung aller Deutschen Solaranlagen beträgt etwa 2 RBMK Reaktoren. Nicht bewertet ist hierbei dass der Strom aus Windmühlen und Solarzellen als Zufallsstrom wertlos ist.

    Die Zahl der Arbeitsunfälle ist bei Kernkraftwerken aufgrund der Sicherheitsvorschriften ziemlich gering. Die Zahl der Todesfälle bei dem Reaktorunfall vor 30 Jahren lag je nach Bericht, UN2005, UNSCEAR 2008 bei einigen Dutzend bis 100 Todesopfer. Signifikanzen für erhöhte Krebsraten wurden abseits der bekannten Schilddrüsenkrebsfälle nie gefunden.

    Das mag nicht mit der in D veröffentlichten Meinung im Einklang stehen wo jeder falsche Dübel in einem KKW zu grossem Medienrummel führt. Allerdings ist die Medienberichterstattung in vielen Bereichen nicht im Einklang mit den realen Geschehnissen. Ich hatte im Jahr 1988 in Hannover die Gelegenheit die Nachrichten aus der Tagesschau und der Aktuellen Kamera zu sehen. Es ist faszinierend wie gleiche Ereignisse durch die Medien unterschiedlich bewertet werden.

    Vandale

  • Tschernobyl, der Inbegriff der deutschen Atom-Angst, hätte mit seinen verbliebenen 3 Reaktoren noch mehr brauchbaren Strom erzeugt als alle deutschen Solarzellen und Windräder es heute zusammen schaffen (zum Preis von hunderten Milliarden Euro). - Das ist die technische und ökonomische Wahrheit, die man im Öko-Zeitalter natürlich unter den Teppich kehrt.

    Warum? Die 3 Reaktoren hätten nämlich c.a. 3 Gigawatt konstant und verläßlich, unabhängig von Wind und Wetter, bei geringen Treibstoffkosten und Null Emissionen geliefert. Leider hat die EU die Schließung von Tschernobyl im Jahr 2000 durchgesetzt, Videos der "begeisterten" Ukrainer bei der Abschaltung kann man im Internet ansehen.

  • "...Auch im Vergleich zu solch gefährlichen Techniken wie Solarzellen und Windmühlen sind die RBMK Kernkraftwerke sicherer...." - und deutscher Meister wird nur der FC Schalke 04 oder was???

  • Auch die religiös angehauchten Atomlobbyisten kommen nicht umhin, die derzeitige Situation und damit den Zustand des Sarkophags in Tschernobyl, als kritisch einzustufen. Eine erneute Freisetzung von radioaktiven Stoffen, und dies wäre im worst case durchaus zu erwarten, gilt es unter allen Umständen zu verhindern.

  • Die EU gibt sehr viel Geld aus um einen neuen Sarkophag für den verunfallten Kernreaktor in Tschernobyl zu bauen.

    Russen, Weissrussen und Ukrainer stehen an der Seitenlinie und sehen interessiert zu, bzw. geben kein Geld für diese Aktivität aus.

    Die Konsequenzen eines Einsturzes des Sarkophags wäre eine Freisetzung grösserer Mengen radioaktiven Staubs. Der Unfall fand 1986 statt. Die Radioaktivität des Staubs ist demzufolge auf einen Bruchteil des seinerzeitigen Inventars zurückgegangen. Deshalb ist das Interesse der Anrainerstaaten an dem neuen Sarkophag gering.

    Bei nassem regnerischem Wetter wäre das auch in Westeuropa ein Nichtereignis. Bei Westwinden müsste das gleichfalls niemanden interessieren. Das bedeutet lediglich ein Einsturz bei trockenem Wetter mit Ostwinden könnte eine Oekopanik in Europa ausgelöst werden die diese Geldausgabe rechtfertigt.

    Vandale

  • In Russland sind in der Tat 11 RBMK Reaktoren in Betrieb. Erst kürzlich hat man die Betriebserlaubnis für die Kraftwerke verlängert. 1 weiterer Block befindet sich im "Bau" wobei die Aktivitäten eingeschlafen sind.

    In Litauen gab es 2 RBMK Kernkraftwerke. Diese wurden zunächst mit Unterstützung der EU nachgerüstet. Dabei hat man die Schwachstellen des RBMK Konzepts, Steuerstäbe mit Graphitspitzen, zu langsame Verfahrgeschwindigkeit der Steuerstäbe, positiver Temperaturkoeffizient im unteren Leistungsbereich beseitigt. Leider hat die EU dennoch wegen des fehlenden Containments auf einer Stilllegung bestanden.

    Das RBMK Konzept ist sicherlich, wie man in Tschernobyl gesehen hat, das unvollkommendste Kernkraftkonzept das grosstechnisch realisiert wurden. Verglichen mit allen anderen Reaktorkonzepten schneidet das RBMK Konzept sehr schlecht ab.

    Verglichen mit der in der Ukraine geförderten Kohle die jährlich das Leben 1000ender Bergleute durch Staublunge und Unfälle fordert sind diese Reaktoren sehr sicher. Auch im Vergleich zu solch gefährlichen Techniken wie Solarzellen und Windmühlen sind die RBMK Kernkraftwerke sicherer.

    Vandale

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