Risikofaktor Tschernobyl
„Einsturz des Sarkophags nicht auszuschließen“

Experten beklagen den Zustand der Atomruine von Tschernobyl und kritisieren, dass elf Reaktoren baugleichen Typs noch am Netz sind. Mängel gibt es auch an AKW in der EU. Ein neues Gesetz zur Atomsicherheit ist geplant.
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DüsseldorfDas Bundesumweltministerium zeigt sich besorgt über den Zustand der Atomruine von Tschernobyl. Auf dem Gelände war im Februar das Dach einer Maschinenhalle unter Schneemassen eingestürzt. Das ukrainische Zivilschutzministerium meldete, es sei keine Radioaktivität ausgetreten – dennoch wurden französische Arbeiter sicherheitshalber abgezogen. In dem Bericht des Umweltministeriums, der Handelsblatt Online vorliegt, heißt es zu dem Vorfall: Zwar seien die die Schwachstellen bekannt und Stabilisierungsmaßnahmen geplant gewesen, „im Ergebnis des Evaluierungsprozesses wurde jedoch schließlich auf der Basis von durchgeführten Abschätzungen auf diese verzichtet.“ Kritische Stimmen hätten darauf verwiesen, dass „die Zuständigen im KKW Tschernobyl und in der Regierung wegen fehlender Finanzmittel notwendige Instandsetzungsmaßnahmen unterlassen (Einsparungen) und auch die Kontrolle des Sarkophags und des havarierten Blockes zu stark vernachlässigt hätten.“

Grundsätzlich, so das Fazit der Untersuchung, „können auch in anderen Bereichen des Blockes 4 des KKW Tschernobyl Schäden am Baukörper nicht ausgeschlossen werden. (...) ein Einsturz des Sarkophags, der zu einer Freisetzung von radioaktiven Stoffen in die Umgebung des Standorts führen würde, (kann) nicht ausgeschlossen werden.“

Der Bericht war auf Anfrage von Sylvia Kotting-Uhl, atompolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, erstellt worden. „Offensichtlich gibt es viele ernstzunehmende Sicherheitsdefizite in Tschernobyl, die aus Geldmangel nicht behoben, sondern immer schlimmer werden“, sagt sie im Gespräch mit Handelsblatt Online. „Es muss sich endlich darum gekümmert und kontrolliert werden, dass das Geld zielgerichtet verwendet wird. Sonst wird es auch schwierig, zusätzliches Geld aufzutreiben.“

Außerdem will sie EU-Kommissionspräsident Günther Oettinger schriftlich auffordern, den Druck auf die russische Regierung zu erhöhen, um die Stilllegung von Reaktoren, die dem Tschernobyl-Typ entsprechen, zu erreichen. Das Schreiben soll noch heute rausgehen. Damit kam sie einer Empfehlung von Wladimir Kuznetsov nach. Der Direktor des Nuklear- und Strahlungssicherheits-Programms von Green Cross Russland hatte im Umweltausschuss vorgesprochen und teilte auf Nachfrage von Handelsblatt Online mit: „Es laufen in Russland noch elf solcher Blocks. Um den Betrieb zu stoppen, sollte Deutschland und die EU politischen und wirtschaftliche Druck auf Russland ausüben.“

Auch für Heinz Smital, Kernphysiker und Atomexperte von Greenpeace, ist es „schockierend, dass immer noch elf Reaktoren dieses Typs in Betrieb sind“. Er verweist auch auf die Widersprüchlichkeit: „Zum einen wird der Reaktortyp für den Unfall verantwortlich gemacht und dann lässt man andere Reaktoren gleichen Typs laufen.“ Den Verhandlungsspielraum der EU außerhalb der eigenen Grenzen hält er allerdings für gering.

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EU will unabhängigere Atomaufsicht durchsetzen

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  • Hallo EDBXX..bei den Atombombenversuchen wurden je Versuch z.B. 1 Kg U235 gespalten. Diese wurden vollständig in die Atmophäre abgegeben. Es ab einige 100 oberirdische Atombombenversuche. Der Kernreaktor des verunfallten Kernkraftwerks Tschernobyl enthielt einige 100 Kg Spaltprodukte. Durch den Graphitbrand wurde ein erheblicher Teil des radioaktiven Inventars in die Atmosphäre gebracht.

    Zugunsten des Vergleichs spricht am ehesten dass der grösste Teil der Radioaktivität aus dem Unfall 1986 abgeklungen ist.

    Zugunsten der Betrachtung spricht, dass bei den Atombombenabwürfen die wenigsten Opfer radioaktiver Strahlung zum Opfer gefallen sind.

    Vandale

  • Haha,
    der letzte Satz spricht Bände. Dann folgen Sie mal weiter dem geistigen Horizont der aktuellen Kamera.

  • Tausende von Atombombenversuche bis 1961 in allen Luft-und Obererflächennahen Schichten haben solche Menge von radioaktiven Nukleiden freigesetzt und auf der Erdoberfläche verteilt, dass die kleine Staubwolke bei einem Einsturz des Sakrophags vernachlässigbar ist. Ich bezweifle überhaupt, dass er einsturzgefährdet ist.
    Hier versuchen eher einige Proviteure eine Hysterie zu schüren. Die einen hoffen damit im kommenden Wahlkampf besser abzuschneiden, die anderen hoffen darauf einen fetten Anteil an den locker gemachten Geldern für den neuen Sakrophag in ihre Tasche umleiten zu können.

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