Robbenjagd
Überleben im Packeis

In diesen Tagen hat die neue Jagdsaison in Kanada begonnen. Die Regierung hat das Töten von 325 000 Robben erlaubt. Weltweit protestieren Tierschützer gegen die Robbenjagd. Doch die Menschen an Kanadas Ostküste fühlen sich zu Unrecht verfolgt.

TWILLINGATE. In der Bucht treiben Eisschollen. In Jack Troakes Werkstatt direkt am Wasser spendet ein gusseiserner Ofen wohlige Wärme. Troake, ein kleiner drahtiger Mann, sitzt davor und repariert Netze. Zwischendurch macht er sich an seinem Boot, das im nahe gelegenen Hafen liegt, zu schaffen. Der 70-Jährige bereitet sich vor – auf die Robbenjagd. Seit drei Monaten, seit Ende der Makrelensaison im Dezember, ist das für ihn die erste Gelegenheit, wieder Geld zu verdienen.

In diesen Tagen hat die neue Jagdsaison begonnen. Die Regierung hat das Töten von 325 000 Robben erlaubt. Für Tierschützer ein grausames Gemetzel, das jedes Jahr heftige Proteste auslöst. Für Troake, seit seinem 16. Lebensjahr Fischer und Robbenjäger, eine wichtige Einkommensquelle: eine, „die Bedeutung gewinnt angesichts der sinkenden Fischfangquoten“. Und des Mangels an Job-Alternativen.

Troake lebt in im Nordosten Neufundlands, in Twillingate, einer felsigen und kargen Gegend. Die Arbeitslosenquote liegt hier bei 16 Prozent und ist die höchste in Kanada. Die Ölförderung und einige High-Tech-Betriebe bieten zwar Jobs, aber hauptsächlich in der Hauptstadt St. John’s, in der zwei Drittel der gut 500 000 Neufundländer wohnen. Vor allem jüngere Menschen zieht es auf der Suche nach Arbeit in die Ölsandfelder Albertas, so dass die Bevölkerung Neufundlands schrumpft. Wer bleibt und in einer der abgelegenen kleinen Gemeinden lebt, ist häufig auf staatliche Unterstützung angewiesen oder verdient sich seinen Lebensunterhalt mit Saisonarbeit wie Fischfang und Robbenjagd. „Ob ein Fischer überlebt oder bankrott geht, hat viel mit der Robbenjagd zu tun“, sagt Troakes Kollege Richard Gillett.

Gut 50 Dollar gab es im vergangenen Jahr im Durchschnitt für ein Fell. Bei 16,5 Millionen Dollar lag der Gesamtwert. Fischerei, Forstwirtschaft und Jagd machen zwar zusammen nur 2,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts Neufundlands aus, aber sie erhalten Jobs in der strukturschwachen Region und verhindern, dass ganze Landstriche veröden.

Jack Troakes Frau Florence stellt Kuchen und Tee auf den Tisch. Er murmelt ein kurzes Gebet. Seine Familie kam vor 250 Jahren aus England nach Neufundland. „Wir hatte eine Menge Katastrophen über die Jahrhunderte – allen voran der Zusammenbruch der Kabeljau-Fischerei Anfang der 90er-Jahre.“ Die größte Tragödie der Familie ereignete sich im Jahr 2000. Sohn Garry ertrank, als er auf stürmischer See Netze einholte.

Und dann spricht Troake von „den McCartneys“, von denen, „die Millionen auf dem Konto haben“ und Menschen, die ums finanzielle Überleben kämpfen, habgierig nennen. Der Ex-Beatle und seine Frau hatten sich mit einem Robbenbaby abbilden lassen, um gegen die Jagd zu protestieren. 5 000 Dollar, die ein Robbenjäger mit den Fellen macht, „das mag unbedeutend klingen“, sagt Troake. Aus der Sicht eines Fischers mit einem Einkommen von 20 000 Dollar im Jahr sehe das allerdings ganz anders aus.

Nach Schneekrabbe, Shrimp, Hummer und Kabeljau rangieren die Robben beim Wert des Fangs an fünfter Stelle. Aber Fischfangquoten werden reduziert, für Krabben und Shrimps verfiel der Preis in den vergangenen Jahren. Bei Robbenfellen erwarten die Jäger dagegen steigende Preise. Gefragt sind die schwarz-grauen Felle der „Beater“, der vier bis sechs Wochen alten Robben. Die „Whitecoats“, die Robbenbabys mit weißem Fell, dürfen nicht getötet werden. Erst wenn sie nach drei Wochen beginnen, ihr weißes Fell zu verlieren, und nicht mehr gesäugt werden, ist die Jagd freigegeben.

Seite 1:

Überleben im Packeis

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%