Robert Zoellick
Auf den Weltbank-Chef wartet eine muntere Debatte

Die Weltbank bekommt einen neuen Chef, aber ihre Krise ist damit nicht beendet. Ebenso wie die beiden anderen großen Institutionen, der Internationale Währungsfonds und die Welthandelsorganisation WTO, ist die Weltbank unter die Räder der Globalisierung geraten.

DÜSSELDORF. Das Gefüge der 1944 in Bretton Woods aus der Taufe gehobenen Schwesterorganisationen, die die globale Wirtschaft nach dem zweiten Weltkrieg stabilisieren sollten, ächzt unter dem Druck, der heute von den großen Schwellenländern ausgeht.

Der rasante Aufstieg Chinas, Indiens, Brasiliens und Russlands verändert die Architektur der Weltwirtschaft. Doch die großen Institutionen passen sich den veränderten Rahmenbedingungen nicht an. So gilt in der Weltbank nach wie vor das Prinzip „ein Dollar, eine Stimme“. Wer zahlt, bestimmt, und das begünstigt die USA als größten Anteilseigner unter den 185 Mitgliedern.

Die Schwellen- und Entwicklungsländer fordern schon seit Jahren mehr Mitsprache über die strategische Ausrichtung der Bank. Washington aber besitzt mit einem Stimmenanteil von 18 Prozent nicht nur eine Sperrminorität, sondern zieht auch hinter den Kulissen die entscheidenden Fäden. Selbst ein versierter Diplomat wie Robert Zoellick wird darin wenig ändern können. Kraft seines politischen Geschicks mag es ihm gelingen, der Weltbank wieder mehr Glaubwürdigkeit zu verschaffen. Die Diskussion um die Führungsstruktur des Finanzinstituts dürfte zunächst hinter der Bewältigung der aktuellen Probleme zurück stehen. Aber auch Zoellick kann sich einer Debatte über eine grundlegende Reform nicht auf Dauer entziehen.

Die Weltbank spürt ebenso wie der IWF und die WTO, dass sie an Bedeutung verloren hat. Im vergangenen Jahr sind nach dem Bericht „Global Development Finance 2007“ der Weltbank fast 650 Mrd. Dollar an privaten Krediten und Investitionen in die Entwicklungsländer geflossen. IWF und Weltbank stehen unter einem immer höheren Konkurrenzdruck der internationalen Kapitalmärkte. Viele Entwicklungsländer empfinden diesen Trend als durchaus positiv, denn sie betrachten die Bedingungen, die an Weltbankkredite oder IWF-Darlehen geknüpft waren, als unzumutbare Einmischung in ihre inneren Angelegenheiten.

Die Weltbank hat aber auch selbst dafür gesorgt, dass ihre Reputation schwindet. Ihr vorrangiges Ziel, die Armut in der Dritten Welt zu lindern, geriet ihr zwar nicht aus dem Blickfeld. Aber trotz aller Beteuerungen, die Lebensbedingungen in Afrika zu verbessern, erhielten die großen Schwellenländer wie China und Indien mit mehr als 14 Mrd. Dollar den Löwenanteil der Ausleihungen und Projektfinanzierungen. Staaten wie die Sub-Sahara-Länder (siehe Kasten) mussten sich mit 9,5 Mrd. Dollar begnügen. Von den öffentlichen Hilfen für die Ärmsten der Armen stellt die Weltbank nur noch einen Anteil von sieben Prozent.

Die Debatte über die Re-Orientierung der Weltbank ist keinesfalls neu. Schon im Jahr 2000 hatte eine Kommission unter Leitung von Alan Meltzer von der Carnegie Mellon University dafür plädiert, Kredite an Schwellenländer einzustellen und die Darlehen an die Ärmsten in Zuschüsse umzuwandeln. Allerdings hat der nun scheidende Weltbankpräsident Paul Wolfowitz diese Empfehlungen nicht befolgt.

Immer mehr Staaten sagen sich daher von Weltbank und Internationalem Währungsfonds los. Die Schuldnerstaaten zahlen ihre Kredite dank der florierenden Weltkonjunktur vorzeitig zurück. In Lateinamerika ist der venezolanische Präsident Hugo Chavez Wortführer jener Staaten geworden, die dank der Öleinahmen des exzentrischen Staatschefs mit einer „Bank des Südens“ ein Gegenmodell zu den Bretton-Woods-Institutionen aufbauen wollen. Politikern wie Chavez fliegen Sympathien aus der Dritten Welt in jenem Maße zu, indem die Industriestaaten sich nicht zu einer durchgreifenden Reform der Stimmrechte in IWF und Weltbank einigen können.

Auf Zoellick wartet daher eine komplexe Aufgabenstellung. Er muss Glaubwürdigkeit und Profil der Bank als Vorreiter in der Armutsbekämpfung wieder herstellen. Denn dort kann sie eine unbestritten wichtige Rolle spielen. Er soll die Scherben, die zwischen USA und Europa zerbrochen sind, wieder kitten. Und schließlich soll er die verkrusteten Führungsstrukturen der Bank aufbrechen. Das gelingt ihm allerdings nur, wenn die Rezepte der Geber mehr auf die Bedürfnisse der Nehmer abgestimmt werden.

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