
BangkokLangsam, ohne Wellen, aber mit der Wucht eines der mächtigsten Gewässer Asiens, windet sich der braungraue Chao Phraya durch Ayutthaya. Die Bewohner der Stadt zwei Stunden nördlich von Bangkok blicken mit wachsender Sorge auf ihren Fluss. Der Pegel steigt, in mehreren Kanälen ist Wasser über die Ufer getreten. Aus 15 Provinzen Thailands melden Behörden erste Überschwemmungen. Reisfelder stehen unter Wasser.
Trotzdem: es bestehe kein Grund zur Panik, heißt es von offizieller Seite, keine Gefahr, dass Ayutthaya wieder untergehe, wie im letzten Jahr. Es seien nur die jüngsten Niederschläge für den Anstieg verantwortlich. „Mindestens 17 heftige Regenstürme“ würde es in den nächsten Wochen noch brauchen, um dieselbe Menge an Wasser zu produzieren, mit der Bangkok damals konfrontiert war, meint ein hoher Offizieller.
Damals, als der Stadt buchstäblich der Untergang drohte. Damals, als der mächtige Chao Praya die nördlichen Stadtgebiete überflutete und nur mit Millionen Sandsäcken davon abgehalten werden konnte, auch das Zentrum unter Wasser zu setzen, und das Herz der thailändischen Wirtschaft zum Stillstand zu bringen. „Ich kann nicht sagen, ob es dieses Jahr Überflutungen geben wird oder nicht“, meint Royol Chitdon vom Wasser und Flutmanagement-Komitee in einem Interview. „Ich kann nur sagen, dass wir eine geringe Chance haben, eine Situation wie im letzten Jahr zu erleben“.
Deutschland und Thailand wollen jedenfalls beim Hochwasserschutz enger zusammenarbeiten. Auch deshalb ist Philipp Rösler (FDP) in Thailand. Der Bundeswirtschaftsminister und der stellvertretende thailändische Premierminister Kittiratt Na-Ranong unterzeichneten heute eine entsprechende Absichtserklärung. Die Vereinbarung sieht nicht nur einen regelmäßigen Informationsaustausch vor sondern auch eine technische und wirtschaftliche Kooperation.
Laut Statistik hätten sich vor einem Jahr acht Milliarden Kubikmeter Wasser aus dem Norden den Weg an den Golf von Thailand im Süden gesucht – um und durch die Stadt Bangkok. Diesmal sei es „nur eine Milliarde Kubikmeter“, beruhigt er. Tatsächlich sollen damals nicht unmittelbare Regenfälle für die Katastrophe verantwortlich gewesen sein, sondern vor randvolle Rückhaltedämme, die sich in einer besonders langen und intensiven Monsunzeit bis zum Rand gefüllt hatten und - laut Kritikern - zu spät abgelassen worden waren.
Ein schwacher Trost in einer Zeit wachsender Sorge. Nicht nur unter der Bevölkerung, auch unter Vertretern ausländischer Unternehmen nimmt die Befürchtung zu, die von der Regierung von Premierministerin Yingluck Shinawatra eingeleiteten Maßnahmen würden zu langsam umgesetzt. Das „Projekt der sechs Mauern der Verteidigung“, nennt sie der thailändische Handelsminister Pongvas Svasti . Die erste „Mauer“ sind Hunderttausende von Hektaren neuer Baumpflanzungen, die im Norden von Thailand Wasser „aufsaugen“ sollen.
Die zweite sind 500 zusätzliche Dämme und Deiche, die dritte „Mauer“ die Ausgrabung von Sümpfen, damit sich in diesen mehr Wasser sammeln kann. In einem vierten Schritt werden Kanäle und Bewässerungssysteme vertieft, damit das Wasser schneller abfließt. Als fünfte Maßnahme werden Zugangsstraßen zu den Industriegebieten verbessert und erhöht, und als sechste „Mauer“ der Verteidigung sollen um diese Zentren industrieller Produktion bis zu sechs Meter hohe Deiche gezogen werden.
Bangkok ist größtenteils zwischen Sümpfen und Kanälen gebaut – die Aufgabe ist also enorm. Doch laut Pongvas schreiten die Arbeiten gut voran. Einige ausländische Beobachter zweifeln. Das Programm sei zwar „höchst willkommen“, meint der Vertreter eines europäischen Unternehmens in Bangkok. „Aber ich weiß nicht, ob die Regierung nicht überfordert ist“. Viele Firmen sind "auf Gedeih und Verderb" auf sofortige und wirksame Schutzmaßnahmen angewiesen. Denn nach den Milliardenschäden vom letzten Jahr haben sie keine Flutversicherung mehr. Die meisten Versicherer bezahlten zwar die Überschwemmungsschäden, strichen aber eine künftige Deckung aus den Verträgen.
Internationale Unternehmen in Bangkok sind jedenfalls dankbar, dass Shinawatra auch auf fachliche Hilfe aus dem Ausland zählt. Die Regierung Thailands will acht Milliarden Euro investieren, um thailändischen und ausländischen Unternehmen die Möglichkeit zu geben, die besten Technologien und Maßnahmen zu bündeln, um Bangkok gegen zukünftige Fluten zu sichern. Dabei ist auch das Knowhow deutscher Unternehmen gefragt. Heute eröffnet Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler in der thailändischen Hauptstadt eine Veranstaltung, bei der 17 deutsche Unternehmen Lösungen und Technologien präsentieren. Laut Jan Immel, Vizedirektor der Deutsch-Thailändischen Handelskammer (AHK), bieten deutsche Firmen aus unterschiedlichen Feldern ihre Dienste an: AGT International, Bauer Spezialtiefbau, Cassadian Communications, Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt, Dorsch Consult Asia, GeoKomm Security Networks, Grontmij, KSB Pumpen, Lahmeyer International, Naue GmbH & Co. KG, Ott Hydromet, SAP AG, Siemens, TU Hamburg-Harburg, ThyssenKrupp, TÜV Rheinland Consulting GmbH, und Bosch. Konsortien arbeiten bis Dezember eine Konzeptstudie aus. Die endgültige Auswahl des besten Konzeptes soll bis Januar 3013 stattfinden.
Die Überschwemmungen zwischen Juli und Dezember letzten Jahres waren die folgenschwersten in der jüngeren Geschichte Thailands. Sie kosteten über 800 Menschen das Leben. Mindestens 13,6 Millionen Thailänder waren von den Fluten direkt betroffen. Laut Commerzbank verursachte die Katastrophe Schäden, Ernte- und Produktionsausfälle von etwa 46 Milliarden US-Dollar - oder elf Prozent des BIP, und kostete fast eine Million Beschäftigte zumindest temporär ihren Arbeitsplatz. Die thailändische Wirtschaft wuchs in diesem Jahr nur um 0,1 Prozent, von sechs Prozent im Vorjahr.
Die Katastrophe drückte vor allem die exportorientierte Verarbeitende Industrie in die Knie. Sieben von acht Industriegebieten im Umfeld von Ayutthaya und Bangkok waren betroffen – wichtige Produktionsstätten der globalen Automobil- und Computerindustrien. 60 bis 70 Prozent von rund 1000 flutgeschädigten Betrieben gehörten multinationalen Unternehmen, die Hälfte davon japanischen.
Konzerne wie Honda und Western Digital litten unter monatelangen Stilllegungen. Weltweite Versorgungsketten rissen, als schlecht konstruierte Kanäle überliefen, Schleusen versagten oder zu spät geöffnet wurden, und einige Industrieanlagen in bis zu zwei Meter tiefem Wasser standen. Erschwerend wirkte die chaotische Informationspolitik. Während die Nationalregierung für einen Bezirk Entwarnung gab, rief die lokale Behörde zur Evakuierung auf. Fehlende oder mangelnde Information über den Stand der Fluten trugen mit dazu bei, dass tausende von Groß- und Kleinbetrieben ihre Maschinen und Lagerbestände nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen konnten.
Deutsche Unternehmen waren nur wenige direkt betroffen, da die meisten in Industriegebieten südlich der Stadt angesiedelt sind. Stiebel Eltron allerdings, in der Nähe von Ayutthaya, wurde überflutet. „Als das Wasser in unsere Lagerhalle floss, haben wir mit den Gabelstaplern unsere Ware in die Gestelle gehoben - bis zur letzten Minute“, erinnert sich Roland Hoehn, Asien-Pazifik-Chef des deutschen Mittelständlers. „Der Wasserspiegel stieg auf ein Meter 70. Dann stoppte er“. Zehn Zentimeter, die alles ausmachten: die Paletten, beladen mit hunderten von Wasserheizern und Filtern, lagen auf ein Meter 80 Höhe. Auch andere deutsche Unternehmen, denen Flutgefahr drohte, hatten rechtzeitig mit Schutz- und Evakuierungsmaßnahmen begonnen.
In einem Industriegebiet verbarrikadierte sich die Optik-Firma Rodenstock hinter Bergen von Sandsäcken. Die Anlage glich einer Festung. Die Mitarbeiter, dankbar, ihre Arbeit nicht aufgeben zu müssen, produzierten trotz der drohenden Gefahr rund um die Uhr weiter - 60 000 Brillengläser pro Tag. Nachdem sich das Wasser im Januar endlich zurückgezogen hatten, fanden sich viele Betriebe wochen- und monatelang nicht in der Lage, ihre Produktion wieder aufzunehmen. Bis Mitte des laufenden Jahres litten vor allem Computer- und Automobilhersteller unter Nachschubproblemen. Die Kosten für Festplatten schnellten weltweit in die Höhe.
Ein knappes Jahr später, und die Lage hat sich weitgehend erholt. Im Mai hatten bereits 73 Prozent aller betroffenen Firmen ihre Produktion wieder aufgenommen. Die Zuliefererindustrie, ein entscheidendes Teil im Versorgungspuzzle der globalen Automobilhersteller, habe sich besonders rasch erholt, so Handelsminister Pongvas. Auch der von den Fluten am stärksten betroffene Automobilhersteller, die japanische Honda, ist wieder in Produktion. Der Konzern stellte in Thailand vor der Flut pro Jahr 240 000 Fahrzeuge her.
Seit dem Rückgang des Wassers geht es in Thailand auch mit der Konjunktur wieder aufwärts. Commerzbank meint in einer Länderstudie, die Erholung sei „schneller als erwartet“ gekommen. Die Bank rechnet für das laufende Kalenderjahr mit einem BIP Wachstum von 6 Prozent.
Die thailändische Notenbank ist mit einem prognostizierten Wachstum von 5,7 Prozent etwas konservativer. Laut dem National Economic and Social Development Board werden die Exporte 2012 um eher enttäuschende 7,3 Prozent zulegen. Dies sei aber nicht die Folge der Flutkatastrophe, sondern eine Konsequenz der kränkelnden Wirtschaftssituation in vielen Abnehmerländern. Trotzdem konnte Thailand soeben für August einen im Vergleich zum selben Monat des Vorjahres 18prozentigen Anstieg der Pkw –Exporte auf 85279 Einheiten melden.
Honda war eines von mehreren Unternehmen, die sich nach den Überschwemmungen laut überlegt hatten, den Standort Thailand aufzugeben. Die Regierung Shinawatra scheint die Firma jedoch mit dem Versprechen weitreichender Schutzmaßnahmen umgestimmt zu haben. Der Abschied eines der größten und wichtigsten internationalen Konzerne wäre nicht nur für die aufstrebende Automobilindustrie Thailands katastrophal gewesen, sondern hätte ein negatives Signal für andere Investoren gesetzt.
Stattdessen scheint das Gegenteil zu geschehen: Thailand gewinnt als Investitionsstandort an Attraktivität. Laut dem Thailand Board of Investments (BOI) ist der Gesamtwert der ausländischen Direktinvestitionen im ersten Quartal 2012 im Vergleich zur selben Periode des Vorjahres um 70 Prozent angestiegen. Wesentliche Gründe, weshalb das Königreich selbst in so schwierigen Zeiten auch aus Deutschland neue Unternehmen anzieht, sind das im Vergleich mit anderen Ländern Südostasiens generell gute Geschäftsklima, sowie die ausgezeichnete Infrastruktur.
Schließlich entdecken auch immer mehr mittelständische Firmen aus Deutschland, dass Thailand im Herzen eines der größten und am raschesten wachsenden Märkte der Welt liegt – dem Verband südostasiatischer Staaten, ASEAN. Die Gemeinschaft aus zehn Ländern will im Rahmen der Einführung der ASEAN Economic Community (AEC) 2015 die meisten Handelsschranken fallen lassen. Damit öffnen sich auch deutschen Unternehmen Möglichkeiten, vom Standort Thailand aus einen Markt mit potenziell 600 Millionen Konsumenten zu bedienen.

Die Quittung für ihre Hilsbereitschaft hat der Rössler und Deutschland bereits erhalten.Und es gibt auch sonst bessere Investitionen in Laos Myranmar oder Burma.
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