Rolle der Türkei trifft in der Region auf viel Skepsis
Arabische Welt befürchtet Rückschlag für Islam

Ein Brückenschlag zwischen dem Westen und dem Orient oder eine Schwächung der islamischen Welt – diese beiden Positionen markieren die Pole der Diskussion in der arabischen Welt über einen türkischen EU-Beitritt.

HB TEL AVIV. Die Befürworter sehen in einer möglichen Integration der Türkei in der EU die Chance, für eine Annäherung zwischen Europa und dem Islam zu sorgen. Über diesen Weg könnte das Misstrauen der Europäer gegenüber dem Islam abgebaut werden. Die Türkei als EU-Mitglied könnte dem Westen ein modernes Islam-Modell präsentieren, sagt Hala Mustafa, Islamspezialistin am ägyptischen Al-Ahram Center for Political and Strategic Studies. Es wäre ein Beweis, dass der Islam mit der Moderne kompatibel ist, und es könnte eine Herausforderung für das islamische Regime in Teheran sein, sagt Mustafa. Als „Brücke zwischen dem Islam und Europa“ tauge die Türkei hingegen kaum: Zwischen der Türkei und dem arabischen Raum stehe eine Sprachbarriere.

Mehrheitlich positiv stehen dem Beitrittsgesuch jene arabischen Regierungen gegenüber, da sie selber eine Annäherung an Europa suchen, sagt Josef Tohmé, Ex-Berater der französischen Regierung für den Nahen Osten. Einige haben bereits Verträge mit Brüssel unterzeichnet oder warten wie Syrien darauf, dass die Verträge in Kraft treten. „Sie sehen in der Annäherung an Europa nicht nur ökonomische Chancen, sondern sie verstehen sie auch als Gegengewicht zum Einfluss der USA“, sagt Thomé. Den „Dialog mit der EU erachten sie als außerordentlich wichtig“, sagt auch ein europäischer Diplomat in Amman. Die Aufnahme der Türkei würde als Zeichen interpretiert, dass Europa seine Vorbehalte gegenüber dem Islam ablegen wolle. Eine Abweisung der Türkei würde hingegen als weiteres Zeichen der Islam-kritischen Haltung in Brüssel verstanden.

Kritiker befürchten mit einem Türkei-Beitritt dagegen eine Schwächung der muslimischen Identität. Brüssel könnte den Türken eine Reihe von Regeln aufzwingen, die das traditionelle soziale System durcheinander bringen. Andere sehen die Beitrittsverhandlungen gar konspirativ als „amerikanischen Trick“, um sowohl Europa als auch die islamische Welt zu schwächen.

Radikale Islamisten sind ohnehin gegen den EU-Beitritt der Türkei, sagt Ahmad Moussally, Politologe an der American University in Beirut. Sie befürchten, dass Europa den türkischen Moslems seine Wertvorstellungen aufzwingen würde – von der Abtreibung bis zum Zwang einer pro-israelischen Politik.

Als Beispiel für ein Nachgeben gegenüber westlichen Wertvorstellungen führen Islamisten den soeben im türkischen Urlaubsort Belek eingeweihten Religionsgarten an. Dort symbolisieren eine Kirche, eine Synagoge und eine Moschee den Willen der Türkei, alle Religionen zu respektieren und zu tolerieren. „Man hat den ausländischen Wünschen nachgegeben“, kritisiert ein Moslembruder in Kairo den Religionsgarten, „und bald wird Belek ein zionistisches Zentrum sein“. Es sei ein erster Schritt zur Marginalisierung des Islam, befürchtet der Moslembruder.

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