Rollenspiel in Davos: „Kopf runter“

Rollenspiel in Davos
„Kopf runter“

Raus aus den Meetings mit den globalen Eliten, rein in das Leben von Flüchtlingen. Ein Rollenspiel soll in Davos die Realität der Flüchtlingsschicksale nahe bringen. Handelsblatt-Redakteurin Nicole Bastian hat sich auf das Experiment eingelassen.

Davos„Habe ich Dich gebeten, mit mir zu sprechen?“, brüllt mir der Soldat ins Gesicht. Nah bringt er seinen Kopf an meinen, reißt seine schwarzen Augen auf, starrt mich an, bis ich meinen Blick senke, mich unter meinem Kopftuch verstecke.

Dabei hatte mir doch die Frau aus der Krankenstation gesagt, er habe Antibiotika gegen mein Fieber. Sie habe wieder keine Medizin geliefert bekommen, aber der Soldat, der könne mir vielleicht etwas verkaufen. „Komm morgen wieder“, herrscht dieser mich jetzt an, hebt sein Maschinengewehr und winkt damit in Richtung Zelte. Schon packt mich ein anderer Soldat am Arm, schreit „Beweg Dich“ und schubst mich weg.

Mein Name ist Jumanah Tawfik in diesem Rollenspiel. Ich bin 41 Jahre alt, war einmal Büroangestellte, jetzt bin ich Flüchtling und habe hohes Fieber. So steht es auf meiner kleinen orangenen Identitätskarte. Als einer von rund 40 Teilnehmern dieser Simulation der Stiftung Crossroads habe ich die Konferenzräume des Weltwirtschaftsforums in Davos für anderthalb Stunden verlassen.

Im Keller des Hilton Hotels hat Crossroads eine andere Welt aufgebaut, in die wir eintauchen - eine harte, eine ungerechte Welt. Jeder bekommt eine neue Identität, ein wenig Geld, die Frauen müssen Kopftücher tragen. Dann geht es durch eine Wellblechtür in unser Rollenspiel.

Wir starten sitzend in einem dunklen Kellerraum, zusammengepfercht auf Sitzkissen am Boden. Plötzlich dröhnende Bombengeräusche um uns herum. „Köpfe runter, Köpfe runter“, rufen Stimmen durcheinander und jemand drückt meinen Kopf nach unten. „Raus hier“, rufen Männerstimmen jetzt. „Schneller, Flüchtlinge, schneller!“ Sie schubsen uns durch dunkle Gänge. „Vorsicht Scharfschützen, Kopf runter“, flüstert jemand und drückt mich auf den Boden. Immer wieder werde ich geschubst. Wir kommen in einem schummrig beleuchteten Raum an. „Hier sind Anmeldeformulare. Ausfüllen. schneller, schneller“, ruft eine schwarze Aufseherin in Beamtenuniform und geht durch unsere Reihen.

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