Rückführung des staatlichen Einflusses
Staatsfeind Nummer eins

Ben Bernanke hatte ein Problem. Im Oktober 2003 sollte der einflussreiche Gouverneur der US-Notenbank Federal Reserve eine Laudatio auf den Ökonomie-Nobelpreisträger Milton Friedman halten. Nur: Heutigen Ökonomie-Studenten das Bahnbrechende und Revolutionäre an den Arbeiten Friedmans deutlich zu machen ist annähernd unmöglich geworden – weil er einfach zu erfolgreich war.

DÜSSELDORF. Wer heute Friedmans Werke lese, habe kaum eine Chance, seine Leistung richtig zu erkennen. „Mich erinnert das an den Studenten, der zum ersten Mal mit Shakespeare zu tun hat und sich bei seinem Professor beschwert: ,Ich sehe nicht, was an Shakespeare so toll sein soll. Alles, was der gemacht hat, ist: etliche allgemein bekannte Zitate aneinander zu reihen“, sagte Bernanke. Wobei es natürlich erst Shakespeare war, der diese Zitate geschaffen hatte.

Aber der Vergleich von Friedman und Shakespeare hinkt – denn wahrscheinlich war der Ökonom für die Wirtschaftswissenschaften und -politik noch weit wichtiger als der Schriftsteller für die englische Sprache. Wenn es einen einzelnen Menschen gibt, der die noch heute geltenden maßgeblichen Paradigmen der ökonomischen Wissenschaft entscheidend geprägt hat, dann ist es der 1912 in New York geborene Friedman. Ihm ist es gelungen, „die Grundströmung der Nationalökonomie entscheidend zu ändern“, lobt sein Studiengefährte und Kritiker, der Nobelpreisträger Paul A. Samuelson. Das hat Friedman – zusammen mit seiner Kompromisslosigkeit, seiner Radikalität und seiner Fähigkeit, die komplexesten ökonomischen Zusammenhänge auf griffige und allgemein verständliche Formeln zu bringen – zu nichts weniger gemacht als den „berühmtesten Ökonom der Welt“ („Capital“).

Danach sah es lange nicht aus. Als Friedman, ein mit 50 Jahren schon nicht mehr ganz junger Ökonomie-Professor an der Universität von Chicago, 1962 ein 202 Seiten starkes Buch mit dem programmatischen Titel „Capitalism and Freedom“ auf den Markt brachte, war es das Werk eines krassen wissenschaftlichen Außenseiters. In einer Zeit, als der Keynesianismus der wissenschaftliche Mainstream war und eine aktive Konjunkturpolitik bei Wissenschaftlern und Politikern als das Nonplusultra galt, brach Friedman mit so ziemlich allen gängigen Paradigmen der Wissenschaft. Er behauptete: Das Missmanagement des Staates und die seit Kriegsende massiv gestiegenen staatlichen Eingriffe in die Marktmechanismen schaffen erst die Probleme, die sie vorgeben zu lösen – wenig Wirtschaftswachstum, hohe Inflation und hohe Arbeitslosigkeit. „Was wir dringend brauchen“, betonte Friedman Anfang der sechziger Jahre, „ist eine Rückführung des staatlichen Einflusses.“

Mit höheren Staatsausgaben und niedrigeren Zinsen kann der Staat nur kurzfristig die Realwirtschaft beeinflussen, lautete seine zentrale These. Mittelfristig würden öffentliche Ausgaben zur Ankurbelung der Wirtschaft verpuffen – einen Trade-off zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit gebe es auf Dauer nicht. „Inflation“, lautet eine der wichtigsten Thesen Friedmans, „ist immer und überall ein rein monetäres Phänomen.“ So habe die Geldentwertung rein gar nichts zu tun mit aggressiven Gewerkschaften, raffgierigen Unternehmern oder Öl- Kartellen – Inflation entstehe immer dann, wenn die Geldmenge schneller wachse als die Wertschöpfung in der Realwirtschaft.

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