Russische Gewerkschaften
Genosse Hilflos

Die russischen Gewerkschaften könnten aus der Krise Kapital schlagen. Doch das gelingt ihnen nicht und gibt einer neuen Protestbewegung die Chance, sich zu etablieren.

JAROSLAWL. Wiktor Kopekin muss sich warm anziehen. Ein feucht-kalter Frühlingstag in Jaroslawl, einer alten Handels- und Industriestadt an der Wolga. Es weht ein rauer Wind, und die Menschen an der Bushaltestelle vor dem „Jaroslawl Motorenwerk“ suchen den Schutz des Blechdachs. Wiktor Kopekin hat die Schiebermütze tief ins Gesicht gezogen. Gerade hat er noch Papierkram in der Hauptverwaltung des Unternehmens erledigt. Seit kurzem ist er arbeitslos.

Kopekin ist ein einfacher Arbeiter. Er weiß, wie schwer es gerade für Unqualifizierte wie ihn sein wird, wieder einen Job zu bekommen. Klar ist ihm das spätestens geworden, als er sich um 6.30 Uhr in die lange Schlange im Arbeitsamt einreihte. Bis zu 5000 Rubel (umgerechnet 110 Euro) stehen einem Arbeitslosen zu. Und davon – räumt selbst die Regierung ein – kann in Russland niemand leben.

Hilfe erwartet Kopekin von niemandem. Die Krise wird noch schlimmer werden, da ist er sich sicher. Aber protestieren? Sich wehren? Wer macht den ersten Schritt? Die Gewerkschaft? Kopekin muss lachen.

Die Gewerkschaften in Russland könnten aus der Wirtschaftskrise Kapital schlagen. Die Arbeitslosigkeit steigt, der Unmut im Land auch. Doch der Weg zu einer modernen und schlagkräftigen Organisation ist noch immer sehr weit. Und es gibt mittlerweile Konkurrenz.

Nach einer Umfrage des staatlichen Meinungsforschungsinstituts WZIOM erwarten 42 Prozent der Befragten keine Hilfe von den Genossen, wenn es hart auf hart kommt. Dabei zählt der föderale Gewerkschaftsbund FNPR offiziell immerhin 28 Millionen Mitglieder. Genug zu tun gibt es auch: Immer mehr Unternehmen bauen Stellen ab. Die Quote der Erwerbslosen ist innerhalb von wenigen Monaten auf mehr als acht Prozent gestiegen. Die Dunkelziffer dürfte höher liegen, denn nicht alle Arbeitslosen lassen sich auch registrieren. In Jaroslawl, wo viele Zulieferer für die kränkelnde russische Autoindustrie sitzen, verlieren über 1000 Menschen pro Woche ihren Job.

Die Gewerkschaften haben den Systemwechsel von der Planwirtschaft in den Kapitalismus offenbar bis heute nicht verkraftet. Damals waren sie eng mit der Partei verwoben, eine Stütze des Systems. Sie sollten sich um die sozialen Belange der Arbeiterschaft kümmern, den Urlaub organisieren und natürlich dafür sorgen, dass die Malocher ruhig bleiben. Ihre Funktionäre genossen die Privilegien der Macht.

Loyal sind sie bis heute. An die Stelle der Partei sind das Management der Konzerne getreten und die Regierung. Die Gewerkschaft in vielen Fällen in der Unternehmensverwaltung aufgegangen.

Von Jaroslawl 300 Kilometer die Wolga aufwärts liegt Twer. Auch hier gibt es viele Firmen, denen das Wasser bis zum Hals steht – allen voran dem staatlich kontrollierten „Twerer Waggonwerk“. Links neben dem alten Tor hat die offizielle Gewerkschaft ihre Büros. Ein einfacher Kastenbau, innen an den Wänden Fotos von Gartenfesten und genossenschaftlicher Sommerfrische. Das Besprechungszimmer ist holzgetäfelt, die Zimmer sind eng.

Hier empfängt Walentin Markow. Er ist der Chef der Maschinenbaugewerkschaft in der Region Twer. Auf seinem Posten hat der 70-Jährige den Zusammenbruch des Arbeiter-und-Bauernparadieses überlebt, er selbst ist äußerlich den alten Zeiten treu geblieben. Das schüttere Haar mit Pomade zurückgekämmt, der Anzug wie aus einem sowjetischen Einheitskaufhaus. Aus seiner Sympathie für damals macht er auch keinen Hehl. So eine Finanzkrise, die hätte es in der Planwirtschaft nicht gegeben, sagt Markow.

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