Russische Trasse bis nach Österreich
Zugverbindung Wien Moskau nimmt Form an

Schon lange wünscht sich Russland eine direkte Zugverbindung von Moskau nach Wien, um eigene Waren schneller nach Westeuropa zu bringen. Bislang verhinderten dies die unterschiedlichen Spurbreiten in West- und Osteuropa. Nun könnte aus dem Wunsch bald Realität werden: Eine eigens gegründete Planungsgesellschaft bereitet den Bau einer neuen Trasse vor. Unklar ist noch, wie das Projekt finanziert werden soll.

WIEN. Zu Zeiten des Eisernen Vorhangs war Wien der letzte Vorposten des Westens, die österreichische Hauptstadt entwickelte sich so zu einer wichtigen Drehscheibe Richtung Osten. Geht es nach dem Willen der Eisenbahner, könnte Wien auf absehbare Zeit einen direkten Schienenanschluss bis nach Moskau bekommen und damit seine Brückenfunktion ausbauen. Die staatlichen Eisenbahn-Gesellschaften aus Österreich, Russland, der Ukraine und der Slowakei wollen vier bis fünf Mrd. Euro für eine neue Eisenbahntrasse ausgeben, die die österreichische Hauptstadt mit Moskau verbinden soll.

Europa ist, was den Eisenbahnverkehr angeht, technisch immer noch geteilt. In West- und Mitteleuropa beträgt die Spurbreite 1 435 Millimeter, im Bereich der früheren Sowjetunion liegen die Schienen jedoch 1 520 Millimeter auseinander. An den Grenzen der Nachfolgestaaten der Sowjetunion müssen Personen- und Güterwaggons bis heute sehr aufwendig auf die unterschiedlich breiten Eisenbahn-Fahrgestelle umgehoben werden. In Polen, der Ukraine und der Slowakei gibt es große Umschlagsbahnhöfe, wo die Züge für die unterschiedlichen Spurbreiten einsatzfähig gemacht werden.

Die russischen Staatsbahnen RSD drängen nun darauf, dass Wien direkt mit der breiteren Spur der früheren Sowjetunion verbunden wird, die bislang an der slowakisch-ukrainischen Grenze endet. Die Staatsbahnen der vier beteiligten Länder haben eine Planungsgesellschaft gegründet, die den Bau der neuen Trasse vorbereiten soll. „Dieses neue Unternehmen wird seinen Sitz in Wien haben“, sagte ein Sprecher der österreichischen Bahnen ÖBB.

Moskau wünscht sich die direkte Verbindung nach Wien, um seine eigenen Waren und Güter schneller nach Westeuropa zu bringen. Die russische Regierung kalkuliert damit, dass der Export nach dem Ende der aktuellen Krise wieder deutlich zunehmen wird. Die Russen glauben, dass der Warentransport über Wien schneller wird als über die Ost-Slowakei. In Österreichs Hauptstadt würden Waren aus Russland kein weiteres Mal auf Züge verteilt, sondern auf Lastwagen und Donau-Schiffe.

Die Österreicher ziehen bei der Idee mit, sie versprechen sich ebenfalls wirtschaftliche Vorteile von der neuen Trasse. „Wenn eine Wirtschaftsmacht wie Russland hinter einem Projekt steht, dann sagt man nicht Nein, sondern ist froh, an der Wertschöpfung teilzuhaben“, sagt ÖBB-Vorstand Gustav Poschalko zu der geplanten neuen Schienenverbindung. Widerstände gibt es von Gewerkschaften in der Slowakei: Sie befürchten Arbeitsplatzverluste bei einer Verlagerung der Umladeterminals nach Wien. Die slowakische Regierung steht bislang jedoch hinter dem Projekt, sie verspricht sich davon mehr Vor- als Nachteile. Die österreichische Regierung steht dem Vorhaben „vorurteilsfrei“ gegenüber, sagte ein Sprecher des Wiener Verkehrsministeriums.

Trotz der Grundsatzvereinbarung über den Start der Planungsgesellschaft ist die neue Breitspurtrasse bislang nur eine Idee. Die Finanzierung ist vollkommen ungeklärt, bis zu einer Inbetriebnahme würden mehr als zehn Jahre vergehen. Ungeklärt sind auch die politischen Fragen, die hinter diesem Projekt stehen. Im vergangenen Winter gab es im Gasstreit eine tiefe Verstimmung zwischen Russland und der Ukraine. Wladimir Jakunin, Chef der russischen Staatsbahnen, glaubt, dass die Ukrainer trotzdem auf jeden Fall mitziehen werden. „Trotz aller politischen Tumulte gibt es ein so großes Interesse an der Kooperation zwischen den Eisenbahnen, dass kein Politiker auch nur wagt, diese Zusammenarbeit zu stoppen“, betont er.

Allerdings ist offen, ob westliche Regierungen tatsächlich russische Lokomotiven und Züge bis nach Wien fahren lassen würden. Das österreichische Verkehrsministerium gibt jedenfalls keine Antwort darauf, wie die Wiener Regierung das Projekt politisch einschätzt. Das ist ein Hinweis darauf, dass es dort durchaus Kräfte gibt, die die russischen Züge auch in Zukunft lieber an der slowakisch-ukrainischen Grenze gestoppt sehen möchten.

Stefan Menzel ist beim Handelsblatt der Spezialist für die Automobilbranche.
Stefan Menzel
Handelsblatt / Korrespondent Automobilindustrie
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