Russische Unternehmer zieht es ins Ausland
Götterdämmerung für die Oligarchen

Vielleicht hätte sich Michail Chodorkowskij an seinen Oligarchenkollegen Boris Beresowskij und Roman Abramowitsch ein Beispiel nehmen sollen. Dann säße er jetzt nicht in Moskau im Gefängnis, sondern in einer Millionen teuren Wohnung in einem der goldenen Londoner Stadtviertel Knightsbridge oder Belgravia.

LONDON/TEL AVIV. Abramowitsch hat hier seine Stadtwohnung am Lowndes Square, von der er sich schnell mit dem Rolls in Chelseas Stamford Bridge Stadion kutschieren lassen kann. Im Juli kaufte der Russe den Londoner Traditionsclub und investierte inzwischen mehr als 200 Millionen Euro – Kleingeld, das von den Megadeals der vergangenen Monate in Russland übrig geblieben ist.

Bis auf kleine Sperranteile hat Abramowitsch seine russischen Vermögensanteile verflüssigt und möglicherweise über seine Holding Millhouse Capital abgezogen. Seinen Milliardenanteil am russischen Energieversorger Sibneft, den er vor Jahren dem im Londoner Exil lebenden Jelzin-Finanzier Beresowskij abkaufte, gab er an Jukos weiter. Der Anteil an dem Aluminiumproduzenten RusAL ging an den Metallmogul Oleg Deripaska, ein Mitglied der Jelzin-Familie. Der Deal wird auf mindestens zwei Mrd. Dollar geschätzt. Auch kleinere Fische wie seinen 26 % Anteil an Aeroflot und dem Wursthersteller Omsk Bacon liquidierte Abramowitsch.

Abramowitschs Aktivitäten fallen mit dem signifikanten Kapitalabfluss aus Russland zusammen, den Analysten in Moskau und London seit Juli beobachtet haben. 7,7 Mrd. Dollar sind nach der Statistik der Moskauer Zentralbank von Juli bis September aus den russischen Reserven abgeflossen. „Es begann Anfang Juli mit der Verhaftung von Chodorkowskijs Geschäftspartner Platon Lebedev“, wird der Russlandanalyst Anton Struchnewski zitiert, dessen jüngste Analyse den Titel „Götterdämmerung der Oligarchen“ trägt. „Russen nehmen sich an Abramowitsch ein Beispiel“, sagt Chris Weafer von der Alfa Bank. „Er gilt als gewiefter Stratege. Wenn er sein Geld nach England bringt, ist das für andere ein Signal.“

London gilt als ein Hauptanziehungspunkt für die russischen Unternehmer. Beresowskij kam bereits im November 2000, Großbritannien verweigerte seine Auslieferung. Der russische Unternehmer scheint sich hier neben der Vermögensverwaltung auf Immobiliengeschäfte zu konzentrieren. Im Oktober warnten er und andere Kremlkritiker in britischen und amerikanischen Zeitungen vor Putins gefährlichem, antidemokratischem Kurs.

Anziehend an London wirkt nicht nur, dass man hier als Reicher, wie Abramowitsch nach dem Chelsea-Kauf sagte, „nicht schräg angesehen wird wie in Russland“. Ein Pluspunkt sind auch die Steuerregeln, die Ausländer mit britischem Wohnsitz bevorzugen. Was Abramowitsch angeht, ist die Verwandlung vom russischen Oligarchen in einen britischen Finanzier so gut wie perfekt: Vergangenen Sonntag führte er schon die jährliche Liste der 500 britischen Spitzenverdiener in der „Sunday Times“ an. Die Zeitung schätzte seinen Jahresverdienst auf 564 Millionen Pfund.

Neben London ist auch Tel Aviv Anziehungspunkt für in Bedrängnis geratene russische Manager geworden – was oft mit deren Abstammung zu tun hat: Viele von ihnen stammen aus jüdischen Familien. So halten sich derzeit laut Informationen der israelischen Wirtschaftszeitung „Globes“ mehr als ein halbes Dutzend Yukos-Manager in einem Hotel im Zentrum des Landes auf. Es seien genügend Führungskräfte versammelt „um eine Aufsichtsratssitzung durchzuführen“, schreibt die Zeitung. Alle sind offiziell als Touristen eingereist. Inzwischen sollen einige bereits ein Gesuch um die israelische Staatsbürgerschaft eingereicht haben.

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