Russischer Staatsmonopolist übernimmt Kontrolle über ukrainischen Energietransit in Richtung Europa
Moskau sichert sich Kiews Ölpipelines

Im Windschatten des Machtkampfes in Kiew hat sich Russland das ukrainische Pipeline-Monopol gesichert. Weithin unbemerkt hat der staatliche russische Ölpipeline-Monopolist Transneft sich in der vergangenen Woche die alleinigen Durchleitungsrechte für die durch die Ukraine nach Mitteleuropa führenden Erdölleitungen auf 15 Jahre gesichert.

KIEW. Ein entsprechender Vertrag mit der ukrainischen Ukrtransnafta wurde am 16. November geschlossen, fünf Tage vor der von Fälschungen überschatteten Stichwahl zum ukrainischen Präsidenten. Damit bestimmt Russland, wer wie viel Öl durch die Ukraine in den Westen leiten kann. Die Abhängigkeit der Ukraine von Moskau hat sich dadurch weiter erhöht.

Bereits jetzt deckt die Ukraine zwei Drittel ihres eigenen Erdölbedarfs in Russland, ein Drittel wird im eigenen Land gefördert. Erdgas bekommt das Land fast vollständig vom Nachbarn im Osten. In der Vergangenheit hatte es immer wieder Konflikte gegeben, weil die Ukraine für russisches Gas nicht gezahlt und für den Transit bestimmte Erdgasmengen abgezapft hatte.

Russlands Präsident Wladimir Putin versucht derzeit mit seiner massiven Einmischung in den ukrainischen Wahlprozess zu Gunsten des pro-russischen ukrainischen Premiers Viktor Janukowitsch das Nachbarland wieder stärker unter Kontrolle zu bekommen. Deshalb war auch das Problem der ukrainischen Gasschulden noch vor der Wahl gelöst worden. Moskau und die bisherige ukrainische Führung streben zudem die Einbindung Kiews in die von Russland betriebene Wirtschaftsunion mit Kasachstan und Weißrussland an. Ob der neue Vertrag nach einem Machtwechsel in der Ukraine Bestand hätte, ist offen. Das Abkommen sieht vor, dass Ukrtransnafta nur noch die technische Abwicklung des Öltransits durch die Ukraine gewährleistet. Die russische Transneft wird die zum Rohrnetz zugelassenen Kunden und die Mengen festlegen. Für die Ukraine hätte dies den Vorteil, statt mit 180 Kunden nur noch mit einem zu tun zu haben.

Doch die Abhängigkeit von Russland unterminiert die Versorgungssicherheit des Landes und macht Kiew erpressbar. „Damit gibt die Ukraine ihre unabhängige Transportpolitik au“, kritisiert die Zeitung „Kiew Weekly“. Ukrtransnafta habe das Abkommen ohne die Vollmacht des Aufsichtsrats unterzeichnet. Das Unternehmen wird vom staatlichen Ölkonzern Ukrnafta kontrolliert.

Der Zugriff Russlands auf das ukrainische Pipelinesystem macht auch Europa noch mehr von russischem Öl abhängig. Denn damit fallen auch potenzielle Lieferungen von Erdöl aus dem Kaspischen Meer in Richtung Westen unter Kontrolle des Kremls. Bereits zuvor hatte Ukrtransnafta auf Drängen Russlands die Fließrichtung der neuen Pipeline Odessa-Brody ins Gegenteil verkehrt: Statt kaspisches Öl nach Europa zu pumpen, soll auch hier russisches Rohöl fließen.

Für die Ukraine bedeutet das Abkommen zudem, dass in den nächsten Jahren nicht wesentlich höhere Ölmengen transportiert werden können. Erhoffte Zusatzeinnahmen bleiben aus. Denn Russlands Transneft baut ihre Pipelinekapazitäten in eigene Ostseehäfen aus, plant den Bau einer Leitung ins Eismeer bei Murmansk, um den US-Markt beliefern zu können, sowie eine Leitung nach China oder Japan. Allein in diesem Jahr soll die Transportkapazität des Monopolisten um 13 Mill. Tonnen wachsen, 2005 um weitere 15 Mill. Tonnen. Bis 2010 soll nach Angaben des Energieministeriums die Ölförderung um 30 bis 70 Mill. t gesteigert werden, die Kapazität von Transneft um 130 Mill. t.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%