Russland agiert demonstrativ, die USA wirken im Hintergrund
Wie in einer Bananenrepublik

"Wer unter mir Präsident der Ukraine ist, ist mir egal“, soll Viktor Tschernomyrdin, Moskaus Mann in Kiew, einmal halb im Scherz russischen Journalisten anvertraut haben. Tatsächlich wohnt der bullige Ex-Premier und Russlands Botschafter in der Ukraine heute so, wie es einst die US-Statthalter in südamerikanischen Bananenrepubliken taten: In einer Villa vor den Toren Kiews, umgeben von einem mehrere Hektar großen Jagdrevier – ein Geschenk des scheidenden ukrainischen Präsidenten Leonid Kutschma.

KIEW. Auch als Russlands Präsident Wladimir Putin den vermeintlichen Wahlsieger Viktor Janukowitsch gratulierte, den Putin im Wahlkampf offen unterstützt hatte, zog Tschernomyrdin seine Fäden: „Wir können mit beiden Kandidaten leben und haben uns längst mit (Oppositionsführer Viktor) Juschtschenko verständigt”, ließ der Botschafter wissen.

Natürlich wäre dem Kreml Janukowitsch lieber, repräsentiert er doch den Donezker Schwerindustriellen-Clan, an dessen Fabriken russische Oligarchen gerne kämen. Doch auch Juschtschenko ist in Moskau keineswegs ungelitten: In seiner kurzen Amtszeit als Premier konnte der russisch-ukrainische Gaskrieg beigelegt worden. Beide Länder einigten sich auf die Bezahlung russischer Gaslieferungen und Transporte. Und Moskau weiß: Die Ukraine wird auch künftig eine Ost-West-Schaukelpolitik machen: Um sich nicht von Moskaus Umarmung erdrücken zu lassen und die Unabhängigkeit zu sichern, wurde immer wieder die Anlehnung an den Westen versucht.

Da die EU zumeist die kalte Schulter zeigte, schickte Kutschma ein Truppenkontingent in den Irak und machte sich so US-Präsident George W. Bush zum Freund. Der half Kutschma im Wahlkampf aber nicht. Vielmehr unterstützen zahlreiche von der CIA zumindest mitgesteuerte US-Institutionen wie das „Freedom House“ und andere offen die Opposition. US-Berater, in den Demokratie-Bewegungen in Serbien und Georgien dabei, stehen in Kiew zur Verfügung. Aus Polen wurden Solidarnosc-Experten gebracht, die damals unter dem Kriegsrecht den Sieg der unabhängigen Gewerkschaft erzwangen und alle Unterwanderungsversuche durch umgedrehte Maulwürfe der Sicherheitsdienste vereitelten.

Auch deshalb wirkt das Vorgehen der Demonstranten so organisiert, kam es nicht einmal zu Ausschreitungen als massenhaft Janukowitsch- Anhänger nach Kiew kamen. Auch dafür gab es ein detailliertes Drehbuch, in dem es heißt: „Am Anfang müssen wir freundlich auf sie zugehen, keine jungen unkontrollierbaren Leute zu ihnen schicken. Sondern möglichst Frauen mittleren Alters, die nicht extrem mit orangefarbenen Fahnen ausstaffiert sind, das polarisiert! Redet darüber, was uns vereint, dass wir keine Feinde sind. Bietet ihnen heißes an, Tee und Essen, sucht Kontakt zu jedem, wir müssen Auseinandersetzungen um jeden Preis vermeiden“, lautet das exakt ausgearbeitete Vorgehen, das die Jugendbewegung „Pora“ (Es wird Zeit) schon im Vorfeld in Seminaren geprobt hat.

Aus europäischen Botschaften in Kiew ist derweil nur wachsende Verzweiflung über das unentschlossene Vorgehen der Opposition zu hören: „Die verschlafen ihre Revolution“, ist ebenso zu hören, wie dass „Juschtschenko schon immer ein Zauderer war“.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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