Russland
Atomstrom hilft den Gasexporteuren

Zwanzig Jahre nach dem katastrophalen Atomunfall in Tschernobyl setzt Moskau wieder massiv auf Nuklearenergie. Sein Land wolle binnen 25 Jahren 40 neue Meiler errichten, kündigte der Chef der Atomagentur Rosatom, Sergej Kirijenko, jüngst an.

MOSKAU. Damit solle der Anteil des Atomstroms am Energieverbrauch des Landes von bisher rund 16 Prozent auf ein Viertel steigen. Bis 2020 will der Kreml seine Atomkraftwerks-Kapazitäten auf 50 Gigawatt verdoppeln.

Russland verfügt über gewaltige Mengen an Wasserkraft und ist weltweit der größte Produzent von Erdgas und der zweitgrößte Exporteur von Erdöl. Um davon mehr exportieren zu können, setzt das Riesenreich auf Atomkraft. Bisher sind zehn Atomkraftwerke mit 31 Meilern im Einsatz, darunter etliche, die die gleiche Bauart wie der im April 1986 zerstörte Tschernobyl-Meiler haben.

Für die geplanten 40 neuen Atomkraftwerke wird Russland 60 Mrd. Dollar ausgeben müssen, schätzt Andrej Subkow von der Moskauer Trust-Bank. Da kommen die erhofften Einnahmen aus laufenden Auslandsaufträgen und die im siebten Jahr in Folge fließenden massiven Haushaltsüberschüsse sehr gelegen. Im Moment bauen russische Firmen acht Reaktoren fertig: Drei in Russland, zwei in der Ukraine und je einen in China, Indien und den umstrittenen Meiler im iranischen Buschehr.

Russland setzt auch deshalb auf Atomkraft, um gleichzeitig mehr Erdgas in den Westen exportieren zu können. Nachdem der Erdgasanteil in der russischen Energiewirtschaft von 16 auf mittlerweile 50 Prozent gestiegen ist, soll jetzt der Nuklearanteil drastisch auf 25 Prozent zunehmen. Dadurch könnten jährlich 30 Mrd. Kubikmeter Erdgas zusätzlich exportiert werden. Derzeit werden rund 190 Mrd. Kubikmeter pro Jahr ins Ausland geliefert. Die Steigerung ließe die jährlichen Ausfuhrerlöse um rund sieben Mrd. Dollar wachsen.

Zudem setzt Russland massiv auf die Wiederaufbereitung abgebrannter Nuklearbrennstäbe und die Ausweitung der eigenen Uran-Versorgung. Dazu verleiben sich russische Firmen derzeit Uran-Vorkommen in GUS-Staaten wie Kirgistan ein. Da Moskau gut an der Aufbereitung von Atommüll verdient, sollen jetzt auch abgebrannte Stäbe aus anderen Ländern nach Russland geliefert werden können. Dies hatte das Parlament gegen den massiven Widerstand russischer Umweltschützer durchgesetzt, die die Endlagerung und Aufbereitung ausländischen Spaltmaterials in Russland verhindern wollten.

Ökologen warnen zugleich aber auch vor einem weiteren Ausbau der Atomkraft in Russland, da viele Reaktoren unsicher und stark veraltet seien. So gelangte ein russisches Fernsehteam ungehindert durch verrottete Zäune in ein sibirisches Atomkraftwerk. Und immer wieder kam es in den vergangenen Jahren nach Moskauer Medienberichten zu Notabschaltungen von Meilern.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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