Russland
Auch ein offenes Hemd nutzt nichts

Bei den Bürgermeisterwahlen in der Olympiastadt Sotschi am Schwarzen Meer konnte der Amtsinhaber und Kremlkandidat Anatolij Pachomow schon im ersten Wahlgang 76 Prozent der Stimmen einfahren. Herausforderer und unabhängige Beobachter wittern Wahlbetrug.

MOSKAU. Es hatte ein Test sein sollen für die Demokratie in Russland. Kremlchef Dmitrij Medwedjew versucht zwar eine bescheidene "liberale" Offensive, doch am Ende kam es so wie immer: Bei den auch im Ausland viel beachteten Bürgermeisterwahlen in der Olympiastadt Sotschi am Schwarzen Meer konnte der Amtsinhaber Anatolij Pachomow schon im ersten Wahlgang 76 Prozent der Stimmen einfahren - müßig zu sagen, dass er auch der Kandidat der Kremlpartei "Einiges Russland" ist. Und ebenso müßig ist es, zu erwähnen, dass die Herausforderer und unabhängige Beobachter Wahlbetrug wittern.

Tatsächlich ging es bei den Wahlen in dem Badeort zunächst so offen zu, wie selten bei einem Urnengang in Russland. Ein Pornosternchen, eine Primaballerina und andere Gestalten aus dem Show- und Sportgeschäft sowie undurchsichtige Polit-Akteure wie der einstige Präsidentschaftskandidat" Andrej Bogdanow hatten sich aufstellen lassen.

Aufmerksamkeit hatte auch die Kandidatur des Milliardärs und Aeroflot-Großaktionärs Alexander Lebedew erzeugt, die aber wegen "Formfehlern" scheiterte. Am Ende ließ die Wahlkommission immerhin sechs Bewerbungen zu - darunter auch die des Polit-Rentners Boris Nemzow, Reformer und Minister in den Jelzin-Jahren, dessen liberale Partei aber in der Bedeutungslosigkeit versunken war.

Was den schlanken dunkelhaarigen Lockenkopf mit den meist weit aufgeknöpften Oberhemden und prallem Selbstbewusstsein tatsächlich dazu gebracht hat, sich vom Frönen seiner Hobbys wieder in die zuweilen gefährliche Oppositionsarbeit in Russland zu stürzen - es blieb bei einer Attacke mit Esel-Urin - bleibt offen. Der in Sotschi geborene Nemzow hat wohl auch nicht wirklich damit gerechnet, zu gewinnen. Aber immerhin hatte er gehofft, den farblosen Herausforderer in eine Stichwahl zu drängen. Dafür hätte dieser aber in der ersten Runde die 50-Prozent-Hürde reißen müssen - auf ein solches Duell wollten sich die Polit-Technologen in Kreml und Regierung aber wohl nicht einlassen. Und so landete Nemzow bei 13,5 Prozent.

Seite 1:

Auch ein offenes Hemd nutzt nichts

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%