Russland auf dem Balkan
„Putin ist unser Gott“

In Sarajevo trägt die Jugend Putin-Shirts. In Belgrad preisen Plakate den „großen Bruder Russland“: Auf dem Balkan ist Russland noch immer eine Weltmacht. Aus einem einfachen Grund.
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Belgrad/SarajevoLinks werben Großbildschirme für Flachbildfernseher, rechts zerfällt ein Haus. In den Wänden: Einschusslöcher aus dem Balkankrieg der Neunzigerjahre. Auf der Straße: Tiefe Pfützen und Schlaglöcher, Schlaglöcher und tiefe Pfützen. An einer Straßenecke im Zentrum der Hauptstadt Sarajewo wartet Darijo Marakovic auf den Bus.

„Pfffffft.“ Wer den 23-Jährigen nach Europa fragt, erntet einen abfälligen Prustlaut, Kopfschütteln und: Schweigen. Der junge Mann aus Sarajewo studiert Politikwissenschaften. Sein Haar trägt er lang, seine Hosen haben Löcher an den Knien. Der lange Bart erinnert mehr an Salafisten als an Berliner Hipster. Auf Darijos T-Shirt prangt das Konterfei eines mächtigen Mannes: Wladimir Wladimirowitsch Putin. „Ich mag Wladimir“, sagt Darijo freundschaftlich.

„Putin bekommt immer, was er will.“ Der Kreml-Chef sei für ihn ein Vorbild, sagt Darijo mit einem Blick, der keine Einwände zulässt. Er sei die einzige Hoffnung für den Balkan. „Putin ist gewissermaßen unser Gott.“ Zwar sei er mit dieser Meinung nicht in der Mehrheit, doch „wir Russen“, wie er sich selbst nennt, werden immer mehr.

Nicht viel anders sieht es in Serbien aus: In dem EU-Beitrittsland ist Russland omnipräsent. In der serbischen Hauptstadt Belgrad grüßt Putin nicht von den T-Shirts und Kapuzenpullis der Jugend, sondern von großflächigen Plakaten am Straßenrand. Russland wird an vierspurigen Straßen als „großer slawischer Bruder“ gepriesen, Präsident Putin als „vorbildlicher Slawe“.

Die Plakate zeigen Wirkung: Die Bürger des Landes befürworten mit einer klaren Mehrheit eine Annäherung an Russland. Mehr als 61 Prozent stimmten bei einer von der Zeitung „Politika“ in Auftrag gegebenen, repräsentativen Umfrage für „engste Beziehungen mit Russland“. Marija Seijic nickt: Die 73-Jährige verkauft als Marktfrau in Belgrad Gemüse.

Kommentare zu " Russland auf dem Balkan: „Putin ist unser Gott“"

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  • aber bitte mit einer von Putin genehmigten Übersetzung. Ich kann nämlich kein Russisch.

  • wenn wir die EU als reine Wirtschaftszone betrachten würden, könnten diese Länder auch aufgenommen werden. Für eine wirkliche europäische Einigung braucht es aber mehr. Wenn diese nicht untergehen soll (GB tritt aus, in vielen Ländern bekommen europafeindliche Strömungen enormen Zulauf), dann müßte es eine wirkliche Union geben, in der sich die Politik auf möglichst vielen Feldern angleicht. Dies kann aber nur mit Zustimmung der Bürger der einzelnen Länder geschehen. Heute entscheiden Politiker, über deren Kompetenz man streiten kann, über die Köpfe der Bürger hinweg.

  • ich nehme an, dass wohl eher die Asylanten aus diesen Ländern gemeint sind, die zu uns kommen. Wenn die Putin so gut finden, warum gehen sie denn nicht dahin? Allerdings würden sie da nicht reingelassen und wenn, dann würden sie keinen einzigen Rubel erhalten. Bei uns ist die Aussicht auf Sozialhilfe, die höher ist, als das was sie daheim verdienen können, sehr groß. Über schnellere Abschiebung reden die Politiker ja nur zur Beruhigung der Bevölkerung, wirklich passieren tut da nichts.

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