Russland
Aufruhr in Wladiwostok

In Russlands Fernem Osten ist die wichtigste Branche, der Gebrauchtwagenhandel, zusammengebrochen - weil Wladimir Putin die Zölle erhöht hat. Nirgendwo protestieren so viele Russen gegen ihre Regierung wie in Wladiwostok. Anders als die meisten ihrer Landsleute finden sie sich mit den Parolen aus Moskau nicht ab.

WLADIWOSTOK. Walerij Schulga schlägt die Zeit mit Teetrinken tot. Lieber würde er Autos verkaufen, aber es kauft niemand mehr, also steht er mit ein paar Kollegen hier auf einem der grünen Hügel oberhalb von Wladiwostok und lässt die Thermoskanne rumgehen. "Das Geschäft ist tot", sagt Schulga. Kühler Wind treibt die Feuchtigkeit des Nebels, der vom Japanischen Meer heraufzieht, unter die Blousons der Männer. Gegen die Kälte hilft auch Schulgas Baseballmütze kaum.

Am Nebel ist das Wetter schuld, an der Autokäuferflaute Premierminister Wladimir Putin. Sagt jedenfalls Walerij Schulga.

Das Kapital der Gebrauchtwagenhändler steht hier auf dem grünen Hügel tausendfach herum und verdreckt langsam. Mehr als 10 000 Autos haben Schulga und seine Kollegen hier ausgestellt. Wie eine mächtige, lila-grün-silberne Dünung aus Blech scheinen sie den Hügel überflutet zu haben.

Nun sind sie hier nur noch ab- statt ausgestellt, all die Gebrauchten, all die Toyota Corollas, Nissan Sunnys und Mitsubishi Colts, die Händler wie Schulga aus Japan importiert haben. Fahrbare Untersätze für Russlands Mittelklasse sollten die Autos werden - und Schulga und seinen Kollegen ein ordentliches Auskommen sichern, hier im Fernen Osten Russlands.

Aber daraus wird wohl so bald nichts mehr. Wieder einmal haben sie in Wladiwostok das Gefühl, die Mächtigen in Moskau interessierten sich nicht für sie. Wie einst die Zaren scheuen auch Premier Putin und Präsident Dmitrij Medwedjew den asiatischen Einfluss hier, sieben Zeitzonen östlich von Moskau, wo die Nachbarn China, Japan und Südkorea heißen, und schotten ihr Land lieber ab. In der Wirtschaftskrise wird das erneut besonders deutlich. Und nun hat Moskau auch noch die letzte Branche ruiniert, in der es noch etwas zu verdienen gab.

Jetzt reicht es ihnen hier. Die Russen in Wladiwostok finden sich, anders als die meisten ihrer Landsleute, nicht mehr mit den Parolen aus Moskau ab. Nirgendwo sonst gab es zuletzt mehr Proteste gegen die hilflosen Versuche von Putin und Medwedjew, gegen die Krise anzuregieren. Und die, die am meisten zu klagen haben, sind Gebrauchtwagenhändler wie Walerij Schulga.

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