Russland
Das Versagen der Intelligenzija

Alle erregen sich über den Regierungsstil Wladimir Putins, doch die Schuld an Russlands gesellschaftlicher Misere trägt genauso seine demokratische und prowestliche Elite. Das Problem in seinem ganzen Ausmaß – ein Essay von Bernd Ziesemer , Chefredakteur des Handelsblatts.

Wenn meine Moskauer Freunde über den Wahlblock „Einiges Russland“ reden, dann sprechen sie nur von der „Partei der Macht“. Sie wird, so viel steht schon jetzt fest, die Duma-Wahlen am 2. Dezember mit überwältigender Mehrheit gewinnen. Denn Wladimir Putin selbst führt die Wahlliste an, auf der das Parteiemblem mit der russischen Fahne und dem weißen Bären prangt. Der Präsident als Spitzenkandidat bei den Parlamentswahlen – das ist die (vorerst) letzte Volte des russischen Vexierspiels. Ein ebenso irrwitziger wie genialer Positionswechsel, um Putin über das Ende seiner Präsidentschaft im nächsten Jahr hinaus irgendwie an der Macht zu halten. Zwar strebt Putin nach eigenen Worten gar nicht nach dem Amt des Regierungschefs im nächsten Jahr. Aber als „nationaler Führer“ soll er dem Land erhalten bleiben, wie aus seiner Umgebung immer lauter zu hören ist.

Für viele im Westen – und erst recht für die Westler in Russland selbst – verwandelt sich der Präsident mit seinem letzten Schachzug endgültig in einen modernen Wiedergänger der zaristischen Selbstherrscher. In Washington sprechen regierungsnahe Kreml-Watcher seit neuestem nur noch vom „Putinismus“ als einem geschlossenen Herrschaftssystem, als hätten wir es mit einer etwas milderen Neuauflage des Stalinismus zu tun. Für die europäischen Nachbarn Russlands wächst sich Putin zur Idée fixe aus, hinter der sein ganzes Reich mit 142 Millionen Untertanen verschwimmt wie der Birkenwald in den Nebelschwaden der Taiga. Und auch Deutschland blickt nur noch in die eisblauen Augen des Präsidenten, wenn es die russische Seele sucht. Und meint dort immer mehr dunkel Bedrohliches zu entdecken.

Von der traditionellen Despotie früherer Jahrhunderte (und erst recht vom Verbrecherregiment des Massenmörders Stalin) ist das Russland Putins meilenweit entfernt. Aber natürlich kann man seine Regierungsjahre mit einigem Recht als Rückkehr zu einer autoritären und imperialen Politik beschreiben. Was viele in Deutschland aber dabei konsequent ausblenden: Putins Stärke speist sich aus der elenden Schwäche seiner prowestlichen Widersacher. Die demokratische Intelligenzija scheiterte schon Anfang der neunziger Jahre auf ganzer Linie mit ihrem Versuch einer marktwirtschaftlichen Schocktherapie für das zerfallende Sowjetreich. Seitdem verliert sie mit jeder weiteren Windung und Wendung der russischen Geschichte an moralischer Glaubwürdigkeit und politischem Kapital. Die Aushöhlung der russischen Demokratie ist also keineswegs nur das Ergebnis wachsenden Drucks „von oben“, sondern auch das Ergebnis einer Selbstzerstörung „von unten“ durch Unfähigkeit, Verantwortungslosigkeit und moralischen Verfall der demokratischen Intelligenzija.

Nehmen wir nur einen Mann wie Garri Kasparow, der sich seit einiger Zeit von westlichen Medien als „Oppositionsführer“ hofieren lässt. Gerade ehrte ihn der renommierte „New Yorker“ mit einer mehrseitigen Geschichte und der präpotenten Überschrift „Der Gegner des Zaren“. Der langjährige Schachweltmeister lief mir schon 1990 im Moskauer Oktoberkino zum ersten Mal über den Weg, als ich über den Gründungskongress der Demokratischen Partei Russlands (DPR) berichten wollte. Sie bildete sich damals als erste organisierte Alternative zur gerade zerfallenden KPdSU – vorangetrieben von einigen Moskauer Intellektuellen, Angehörigen der ersten Kooperativen (quasi-privatwirtschaftlichen Kleinunternehmen) und dem Volksdeputierten Nikolaj Trawkin. In den Monaten danach konnte ich aus nächster Nähe verfolgen, wie sich Kasparow einige Monate in der Rolle als „Parteiführer“ sonnte, ohne einen Finger für die neue Organisation krumm zu machen. Nach nur einem Jahr gründete er seinen eigenen Miniverein, und die DPR zerfiel.

In den folgenden Jahren tauchte Kasparow immer mal wieder mit großem Getöse in diesen und jenen politischen Grüppchen auf, um alsbald wieder aus ihnen zu verschwinden und sich lieber seinem Schachspiel und zunehmend seinen lukrativen Geschäften zuzuwenden. Nach seinem endgültigen Abschied aus dem Wettkampfsport gründete Kasparow 2006 ein Oppositionsbündnis mit dem tönenden Namen „Anderes Russland“, aber nur sehr wenigen Aktivisten. Wichtigste Stütze des selbst ernannten Parteigründers Kasparow sind seitdem die russischen Nationalbolschewisten unter ihrem Führer Eduard Limonow – eine halbfaschistische Sekte von Politclowns und Skinheadschlägern, die für Stalin und Hitler gleichermaßen schwärmen. Merkwürdige Bettgesellen für einen „überzeugten Demokraten“ (Kasparow über Kasparow) und regelmäßigen Kolumnisten des „Wall Street Journals“.

Schon in den neunziger Jahren witzelten Moskauer Intellektuelle über Kasparow, er sei vollkommen unfähig, auf irgendjemand anderen zu hören als auf seine hypermotorische kaukasische Über-Mama Klara. Seit der Kindergartenzeit als Wunderkind verwöhnt, verstand der selbst ernannte Oppositionspolitiker noch niemals die schnöde Wirklichkeit um sich herum. Inzwischen glaubt Kasparow wirklich, Putin habe nichts anderes zu tun, als sein „Anderes Russland“ mit Gewalt zu unterdrücken und aus den Massenmedien fernzuhalten, denn sonst würden ihm die Russen in Scharen zulaufen. Aber selbst Boris Reitschuster, ein ausgewiesener Kritiker des herrschenden Präsidialregimes in Russland, schreibt in seinem Buch „Putins Demokratur“ zu Recht, Kasparows Demonstrationen mit einem armseligen Häuflein von Anhängern seien auch für westliche Reporter „kein ausreichender Grund, um darüber zu berichten“.

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