Russland Die Provinz probt den Aufstand gegen Putin

Die russische Opposition steht bei der Wahl im kommenden Jahr vor einem aussichtslosen Kampf gegen Präsident Putin. Doch sie stößt an unerwarteten Orten auf Unterstützung: in verschlafenen Provinzstädtchen wie Wyksa.
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Der russische Präsident erreicht in Teilen des eigenen Landes eine Zustimmung von rund 80 Prozent. Quelle: dpa
Wladimir Putin

Der russische Präsident erreicht in Teilen des eigenen Landes eine Zustimmung von rund 80 Prozent.

(Foto: dpa)

WyksaIm Friseursalon „Image“ werden die Kunden nicht nur vom lauten Summen der Föns begrüßt, sondern auch von Wahlplakaten des beliebtesten Oppositionspolitikers Alexej Nawalny. „Nawalny 2018: Vertraut dem Volk und überlasst nicht Moskau das Sagen“, ist darauf zu lesen.

Der 41-jährige Kandidat erhält die meiste Unterstützung bislang von Intellektuellen und Jugendlichen in den Großstädten Moskau und St. Petersburg. In der Provinz und in Industriestädten quer über die elf Zeitzonen Russlands dagegen erreicht Präsident Wladimir Putin 80 Prozent Zustimmung.

Daher nimmt Nawalny jetzt Anlauf auf die riesigen ländlichen Regionen. Der Oppositionskandidat für die Präsidentenwahl im März kommenden Jahres eröffnete dort Wahlkampfbüros in Dutzenden Städten und Ortschaften. An einigen Orten wie in Wyksa starten seine Anhänger an der Basis eigene Initiativen.

Wyksa ist mit seinen 53.000 Einwohner so klein, dass es nicht einmal einen Bahnhof, geschweige denn einen Flughafen hat. Ihren relativen Wohlstand verdankt die 300 Kilometer östlich von Moskau gelegene Stadt ihren Stahlwerken, die Pipelines für den Gasmonopolisten Gazprom herstellen. Doch die hiesigen Unternehmer befürchten zunehmend, dass Putins aggressive Außenpolitik, die bereits dem Rubel und der Konsumnachfrage schwer zugesetzt hat, ihre Existenz ruiniert.

In Moskau und St. Petersburg wird Nawalnys Kampagne getragen von jungen Trendsettern, die mit Einkaufstaschen mit seinem Namen darauf unterwegs sind und Youtube-Kanäle verfolgen, die außerhalb des staatlichen Fernsehens seine Botschaften verbreiten.

Wenn Fakten keine Rolle spielen
Merkel im Visier der Fake-News-Produzenten
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Zwei Monate vor der Bundestagswahl steigt bei Parteien die Angst Falschinformationen im Internet. Das ist nicht unbegründet, wie eine Analyse der Online-Plattform Buzzfeed zeigt. Die Digitalexperten haben die Merkel-Artikel untersucht, die tagtäglich bei Facebook gepostet werden. Das Ergebnis: Die populärsten Meldungen basieren häufig auf Falschmeldungen oder Satire. Ein Überblick.

„Merkel will in Afrika für Einwanderung nach Deutschland werben“
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Die „Deutsche Wirtschafts Nachrichten“ veröffentlichten 2015 einen Artikel mit der Überschrift „Merkel will in Afrika für Einwanderung nach Deutschland werben“. Was die Überschrift nicht verrät: In dem Podcast, auf den sich der reißerische Titel bezieht, sprach die Bundeskanzlerin über gezielte Immigration junger Afrikaner, die in Deutschland unbesetzte Arbeitsstellen füllen könnten. Die Überschrift erzeugt allerdings den Eindruck, als würde Merkel mehr Flüchtlinge nach Europa holen wollen. Offenbar ging es dem Autor darum, möglichst viele Leser auf den Artikel aufmerksam zu machen – was mit 82.000 Interaktionen auf Facebook durchaus gelungen ist.

„EILMELDUNG! Angela Merkel kündigt Rücktritt an!“
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Ebenfalls 82.000 Interaktionen erreichte eine Meldung über den angeblichen Rücktritt der Kanzlerin, die das Portal „kulturstudio.wordpress.com“ im April 2015 verbreitete. Dass es sich bei der Seite um ein Satire-Portal handelt, war offenbar nicht allen Facebook-Nutzern bekannt.

„Manipulation: Merkel verhängt Zensur über die ARD-Tagesschau“
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Auch der Artikel mit der Überschrift „Manipulation: Merkel verhängt Zensur über die ARD-Tagesschau“ geht auf das Konto der „Deutsche Wirtschafts Nachrichten“. In dem Text, der im Mai 2015 veröffentlicht wurde, geht es um den Besuch einer Schülergruppe im Bundeskanzleramt und eine anschließende Fragerunde mit Merkel. Im Rahmen dieser Fragerunde sei es zu einer „klassischen Zensur“ gekommen, indem den anwesenden Tagesschau-Reportern angeblich die Berichterstattung über einige Fragen verboten wurde. Wie das Portal Buzzfeed in seiner Analyse berichtet, war eine vollständige TV-Aufzeichnung der Fragerunde tatsächlich nicht erwünscht, allerdings habe das Bundeskanzleramt oder die Bundeskanzlerin zu keinem Zeitpunkt die Arbeit der Tagesschau-Reporter behindert oder Zensur geübt. Auf Facebook sammelte der Artikel 83.000 Interaktionen.

„Angela Merkel wurde bei einem Verkehrsunfall überfahren“
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Ein weiterer Fall von Satire war die Meldung, die das Portal „debeste.de“ im Februar 2015 veröffentlichte. Die Überschrift des Artikels lautete: „Angela Merkel wurde bei einem Verkehrsunfall überfahren“. Im Folgenden schreibt die Satire-Seite: „...und kommt direkt in den Himmel. Dort trifft sie den Engel Gabriel.“ Über 88.000 Interaktionen zog diese Meldung bei Facebook nach sich – die meisten Nutzer dürften jedoch spätestens nach dem zweiten Satz verstanden haben, dass es sich um Satire handelt.

„Merkel ist Wahnsinnig | Kanadisches Fernsehen liefert Beweise“
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Mit der Überschrift „Merkel ist Wahnsinnig | Kanadisches Fernsehen liefert Beweise“ ging im März 2016 ein Video von dem kanadischen Rechtspopulisten Ezra Levant online. Das Video erreichte bei Facebook 98.900 Interaktionen und ist somit der vierterfolgreichste Nachrichtenbeitrag über Angela Merkel in dem Sozialen Netzwerk. Buzzfeed zählt das Video zu den Falschmeldungen, weil im Video falsche Tatsachen über Flüchtlinge behauptet werden.

„Merkel möchte allen Flüchtlingen schnellstmöglich Wahlrecht geben“
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Auf dem zweiten Platz der erfolgreichsten Facebook-Artikel bei Facebook landet eine Satiremeldung des Online-Portals „eine-zeitung.net“, welche über 148.000 Interaktionen hervorrief. Die Überschrift „Merkel möchte allen Flüchtlingen schnellstmöglich Wahlrecht geben“ basiert nicht auf echten Aussagen der Bundeskanzlerin, sondern ist Satire. Laut Buzzfeed haben zahlreiche Facebook-Nutzer dies jedoch nicht verstanden und kommentierten den Artikel mit Beschimpfungen und Hasstiraden in Richtung Merkel und der „Lügenpresse“. Auch mehrere rechtspopulistische Facebook-Seiten haben den Satire-Artikel als vermeintlich wahre Nachrichtenmeldung geteilt.

In Wyksa dagegen sitzen zwei selbstständige Männer mittleren Alters – der Geschäftsmann Wjatscheslaw Burmistrow und der Anwalt Igor Kakonin – in einem Büro neben dem Friseurladen und beraten darüber, wie sie gegen ein örtliches Verbot vorgehen können, das Wahlwerbung für ihren Kandidaten untersagt. Die Stadtverwaltung hatte das Verbot im Juli mit der Begründung erlassen, der Wahlkampf habe noch nicht offiziell begonnen. Anhänger Nawalnys gingen vor Gericht dagegen vor und unterlagen. Jetzt warten sie auf eine Möglichkeit, Berufung einzulegen.

Nawalny darf aufgrund von Schuldsprüchen in mehreren Betrugsprozessen bis 2021 kein öffentliches Amt anstreben. Er hat die Vorwürfe gegen sich als erfunden bezeichnet. Im Staatsfernsehen wird er aber noch immer als Verbrecher dargestellt. Seine Chancen, Putin zu entmachten, sind denkbar gering. Schließlich kontrolliert der Präsident nicht das staatliche Fernsehen, sondern genießt auch den starken Rückhalt der Regionalgouverneure und verfügt über gewaltige finanzielle Ressourcen.

Ein Kampf, wo kein Kampf möglich scheint
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