Russland
Eisschollen auf der Moskwa

Tschüss, Cadillac: Die Finanzkrise dezimiert Russlands junge Mittelklasse. Das ist politischer Sprengstoff: Denn nichts fürchtet Präsident Dmitrij Medwedjew mehr als eine Welle der sozialen Unzufriedenheit.

MOSKAU. Als Andrej Kowalew gegen Mittag im Büro aufkreuzt, ist seine Welt noch in Ordnung. Morgens hat er sein neues Auto beim Händler abgeholt - einen Cadillac vom Feinsten. Da steht auf einmal die Dame von der Personalabteilung vor seinem Schreibtisch und hält ihm einen Stapel Papiere vor die Nase. Da unten solle er bitte unterschreiben, dann könne er gehen - der Marketingmann ist gefeuert. Die Abfindung ist ordentlich, immerhin. Andrej Kowalew zückt den Stift.

Gut ein Jahr hat er bei der Moskauer Immobilienfirma gearbeitet, davor war er Ressortleiter bei einer Tageszeitung. Und nun? Der Kredit für den Cadillac, der für die Wohnung? Zu Hause sitzen seine Frau und die fünf Monate alte Tochter. Jahrelang ging es für junge Russen wie die Kowalews immer nur nach oben. Nun stoppt ein neues Wort ihren Aufstieg: Die "Krisis" ist da.

Die Finanzkrise hat Russland erwischt. Längst ist Andrej Kowalew nicht mehr das einzige Opfer. 100000 Angestellte, schätzt Sergej Mironow, Sprecher der oberen Kammer des russischen Parlaments, dürften schon auf der Straße stehen. Und es werden täglich mehr.

Das ist nicht nur ein soziales, sondern es wird auch zu einem politischen Problem für Präsident Dmitrij Medwedjew und Premier Wladimir Putin. Denn es sind vor allem die jungen Aufsteiger wie Andrej Kowalew, die abrutschen, die nach Jahren des Booms nun Bescheidenheit lernen müssen. Bürger wie Kowalew profitierten im und damit auch vom autokratischen System.

Doch was geschieht, wenn sich das Versprechen der Regierenden von Wachstum und Wohlstand nicht mehr erfüllt? Wenn der neuen, noch kleinen Mittelschicht der soziale Abstieg droht? Die "Krisis" könnte eine echte Bedrohung für Russlands Mächtige werden. "Das politische System in Russland wird durch die gegenwärtige Krise schwer auf die Probe gestellt", schreibt Robert Orttung, Senior Fellow am Jefferson Institute in Washington. Ob die Regierung in der Lage sei, bei sich verschlechternden wirtschaftlichen Bedingungen ihre Legitimität zu wahren, hält er für offen.

Moskau, Kreml, Mittwochmorgen. Endlich ist es so weit. Mehrfach hatte Dmitrij Medwedjew diese Premiere verschoben, seine erste Rede zur Lage der Nation. Nur mit kleinen Videobotschaften auf seiner Webseite hatte sich Russlands Präsident in der Krise ans Volk gewandt, ganz entspannt am Schreibtisch sitzend mit offenem Hemd. Die Message: Russland sei auch in Zeiten der größten Weltfinanzkrise seit 1929 ein "sicherer Hafen".

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