Russland
Experten prohezeien Russland düstere Zukunft

Armes Russland. Die Wirtschaftskrise wütet gnadenlos. Jetzt regt sich akademischer Widerstand. Politikwissenschaftler und Soziologen warnen vor einem Zusammenbruch des Systems. Ihr Credo: Wenn die Krise andauert, werden die Machthaber zur Veränderung gezwungen sein. Eine gefährliche Prognose.

MOSKAU. Wladimir Putin kam zu spät. Die Kameraleute des staatlichen Fernsehens hatten sich auf sibirischem Permafrostboden stundenlang die Füße in den Bauch gestanden, als der Helikopter des Premierministers in Mirny landete.

Die Stadt mit 40 000 Einwohnern lebt vom Diamantenexport, und das nicht schlecht, bis die Wirtschaftskrise auch diese Branche erfasste. Dem staatlich kontrollierten Konzern Alrosa schmolzen die Umsätze weg, Mitarbeiter mussten gehen, Löhne sanken. Gelegenheit für Putin, sich als Retter zu präsentieren. Vor laufenden Kameras versprach er 770 Millionen Euro Soforthilfe und den Aufkauf von Diamanten. Dann flog er weiter zum nächsten Rettungseinsatz.

Das Drehbuch dieser theatralischen Rettungsaktionen ist immer gleich: Ein Großbetrieb leidet unter der Krise, Putin kommt, bringt Geld und verspricht Besserung. In den Abendnachrichten wird dann die frohe Botschaft im ganzen Land verbreitet. Nur die Orte des Schauspiels ändern sich – mal besucht er die Lada-Fabrik in Togliatti, dann das Traktorenwerk in Tscheljabinsk und den Stahlriesen in Magnitogorsk. Russische Wissenschaftler sprechen von der „manuellen Steuerung“ von Wirtschaft und Gesellschaft.

Diese schlichte Art der Wirtschaftspolitik zielt primär darauf ab, die Bevölkerung in Krisenzeiten bei Laune und unter Kontrolle zu halten. In verschärftem Ton kritisieren russische Ökonomen derweil, dass strukturelle Reformen hin zu Modernisierung und Diversifizierung, Liberalisierung und Öffnung der Wirtschaft auf der Strecke bleiben. „Trotz Krise müssen wir jetzt das Fundament für eine neue wettbewerbsfähige Wirtschaft legen“, schreibt Michail Deljagin vom Institut für makroökonomische Forschungen. Anzeichen, dass die Mächtigen von Moskau ähnlich denken, sieht er nicht.

Warum sollten sie auch? Sowohl der Premier als auch Präsident Dmitrij Medwedjew, der die Krisenfolgen oft in ähnlichen Inszenierungen verschleiert, sitzen laut August-Umfragen der Meinungsforscher des Moskauer Lewada-Zentrums fest im Sattel: 82 Prozent der Russen unterstützen Putin, 76 Prozent Medwedjew – so hoch war die Popularität des „Tandems der Macht“ seit Jahresbeginn nicht mehr. Und das, obwohl zwei von drei Befragten mit einer zweiten Welle der Krise im Herbst rechnen.

Putins manuelle und punktuelle Krisenpolitik funktioniert – aber nur unter der Bedingung „völliger politischer Apathie“, wie es Sergej Aleksaschenko von der Higher School of Economics in Moskau jüngst formulierte. Der Soziologe und Direktor des Lewada-Zentrums Lew Gudkow begründet dies mit den fehlenden Alternativen zum „System Putin“: „Die Opposition wurde diskreditiert und von der politischen Bühne entfernt.

Seite 1:

Experten prohezeien Russland düstere Zukunft

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%