
MOSKAU. Am Dienstagmorgen laufen viele Moskauer zur Metrostation, wo untertage der gleiche Dunst herrscht wie im Freien. Seit Tagen liegt dichter Qualm über der Metropole; der Wind treibt den Ruß der lodernden Wald- und Torfbrände aus dem Umland ins Stadtzentrum. Doch die Moskauer gehen ihrer Arbeit nach - fast so, als sei nichts geschehen. Einige Menschen ziehen sich Atemschutzmasken über Mund und Nase, bevor sie das Haus verlassen. Raucher ziehen sie unter das Kinn, um ihre Zigarette anstecken zu können.
Es herrscht eine eigentümliche Stille in der Hauptstadt, um die herum das Land brennt. In den Zeitungen stehen Berichte von Helfern, die sich verzweifelt gegen das Feuerinferno stemmen, das in 20 Regionen im europäischen Landesteil ausgebrochen ist. Das Fernsehen sendet Bilder von abgebrannten Dörfern und obdachlosen Dorfbewohnern. Im Radio kommen Ärzte zu Wort, die vor gesundheitlichen Folgen durch den Rauch in der Hauptstadt warnen. In jeder Stunde im Freien, sagen sie, atme der Moskauer mehr Schadstoffe ein, als in einem Päckchen Zigaretten stecken. "Na und?" sagen die Hauptstädter. Die Berichte vom Feuer wirken ein bisschen, als handelten sie von schrecklichen Ereignissen in einem anderen Land.
Die Mächtigen haben die Stadt verlassen.
Es braucht viel, um echte Russen aus der Ruhe zu bringen, besonders jene in Moskau. Eine Naturkatastrophe, so fatal und tragisch sie für die Landsleute auch ist, ist definitiv zu wenig, um die Stadt in Panik zu versetzen. Dabei erleuchtet nur ein paar Kilometer weiter das Feuer am Boden bei Nacht den Himmel. Man muss nur die M5 entlangfahren, Fahrtrichtung Sibirien, hinter die Kleinstadt Kolomna, nicht weit von der Großstadt Rjasan.
Derzeit stehen südöstlich von Moskau knapp 100 Wälder und Torffelder in Flammen. Waldbrände, sagt ein Mann von der Feuerwehr, seien tückisch, weil sie sich schnell ausbreiten können: "Nachts hast du überhaupt keine Sicht und deshalb keine Ahnung, wohin der Wind das Feuer weht." Mindestens zehn Brandschützer sind bislang im Feuer umgekommen.
Torfbrände sind kaum zu löschen. Bereits bei 60 Grad brennt das Material. Schon Genosse Stalin wusste das und ließ die Sümpfe im Südosten von Moskau einst trockenlegen. Der Sowjetdiktator wollte in den 30er-Jahren den Torf zu Strom machen. Im Sommer 2010 bekommt Russland nun die Quittung: Bei Tagestemperaturen von 30 bis 40 Grad sind die Brände kaum zu löschen.
Ist nun Stalin schuld? Oder Premier Wladimir Putin, der während seiner Zeit als Kremlchef die Mittel für die Feuerwehr kürzte? Oder Präsident Dmitrij Medwedjew, der nur zögerlich aus seinem Sommerurlaub zurückkehrte? Oder Zivilschutzminister Sergej Schojgu, der wochenlang selbstbewusst glaubte, das ach so starke Russland könne die Brände ohne Hilfe von außen löschen?