Russland
Kreml-Kritiker Chodorkowski ist frei

Michail Chodorkowski ist am Freitag aus dem Gefangenenlager entlassen worden. Russlands Präsident Wladimir Putin hatte kurz zuvor einen Gnadenerlass für den inhaftierten Oligarchen unterzeichnet.
  • 20

MoskauDer Kremlgegner Michail Chodorkowski ist nach zehn Jahren Haft wieder in Freiheit. Er habe nach der Begnadigung durch Kremlchef Wladimir Putin um 12.20 Uhr Ortszeit (9.20 Uhr MEZ) das Straflager verlassen, meldete die Agentur Interfax am Freitag unter Berufung auf Sicherheitskreise.

Präsident Putin hatte ein entsprechendes Dekret unterzeichnet, teilte der Kreml am Freitag in Moskau mit. Chodorkowski konnte so mit sofortiger Wirkung begnadigt werden. Putin hatte am Donnerstag überraschend den Erhalt eines Gnadengesuchs des Oppositionellen erwähnt, der humanitäre Gründe geltend gemacht habe.

Einem Zeitungsbericht zufolge hat der frühere Oligarch den Antrag unter Druck der russischen Geheimdienste gestellt. Erst vor zwei Wochen hatte Chodorkowski in einem Interview gesagt, er wolle kein Gnadengesuch stellen. Das ersetze keinen fairen Prozess, der ihm vorenthalten worden sei.

Wörtlich hieß es in der „Begnadigungsurkunde für Chodorkowski M.B.“ heißt es wörtlich „Ausgehend von Prinzipien der Humanität ordne ich an: den Verurteilten Chodorkowski Michail Borissowitsch, Jahrgang 1963, geboren in Moskau, zu begnadigen und seine Haftstrafe aufzuheben. Dieser Ukas tritt am Tage seiner Unterzeichnung in Kraft.“ Unterzeichnet ist das Schreiben mit „Der Präsident der Russischen Föderation, W. Putin, Moskau, Kreml, den 20. Dezember 2013“.

Chodorkowski, der frühere Chef des inzwischen zerschlagenen Ölkonzerns Yukos war 2003 festgenommen und zwei Jahre später zusammen mit seinem Geschäftspartner Platon Lebedew wegen Betrugs und Steuerhinterziehung zu langjähriger Haft verurteilt worden. Chodorkowski hatte sich offen zur Opposition bekannt.

Der einst reichste Mann Russlands setzte sich zudem für den Bau einer von seiner Firma kontrollierten Ölpipeline nach China ein, die den staatlichen Firmen Konkurrenz gemacht hätte. Der Prozess gegen ihn wurde international als politisch motiviert kritisiert.

Die russische Zeitung „Kommersant“ berichtete am Freitag unter Berufung auf anonyme Quellen, Anfang Dezember habe es ein Gespräch von Geheimdienstmitarbeitern mit Chodorkowski gegeben, bei dem kein Anwalt zugegen war. Dabei sei ihm gesagt worden, dass sich der Gesundheitszustand seiner krebskranken Mutter verschlechtert habe und ihm ein dritter Prozess drohe. Daraufhin habe sich Chodorkowski, der bislang immer ein Gnadengesuch verweigert hatte, an Putin gewandt.

Chodorkowskis Anwälte und seine Mutter hatten am Donnerstag angegeben, keine Kenntnis von dem von Putin erwähnten Gnadengesuch zu haben. Chodorkowski hatte es bisher immer abgelehnt, um Begnadigung zu bitten, weil er ein damit verbundenes implizites Schuldeingeständnis vermeiden wollte.

Agentur
afp 
AFP news agency (Agence France-Presse) / Nachrichtenagentur
Agentur
ap 
Associated Press / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Russland: Kreml-Kritiker Chodorkowski ist frei"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • @ Rettungswahnsinn

    Zitat : Diejenigen, die hier Stimmung gegen Chodorkowski machen und Herrn Putin den Rücken stärken sollten sich mal ein paar Dinge zu Putin überlegen

    - man kann Chodorkovskij nicht gegen Putin ausspielen......genauso wie man in der Ukraine Januschkowitsch nicht gegen Timoschenko ausspielen kann !

    Es handelt sich bei allen um korrupt-kriminelle, machtgierige Gauner, die ihre Völker ausplündern !

  • Danke für Ihren Beitrag, so ist es. Chodorkowski hat, sobald er wirklich reich war, viel von seinem Reichtum weitergegeben und ein Gewissen gegenüber den Elenden und Unterdrückten gehabt. Genau das hat Putin und den anderen Oligarchen missfallen. Hinzu kommt, wie im HB-Artikel angedeutet, die Schaffung einer wirtschaftlichen Konkurrenz zur Russenmafia-Wirtschaft und der Ruf nach Transparenz. Da liegt neben der Herausforderung Putins der zweite Knackepunkt.

  • Im Internet kann man die Prozessunterlagen teilweise einsehen; die Anklageschrift ist ein einziger Witz, voller abstruser Behauptungen und Widersprüche, zudem wurde Chodorkowski für die gleiche Beschuldigung gleich mehrfach bestraft. Ich behaupte nicht, dass er von Anfang an eine weiße Weste hatte, aber damals herrschten chaotische Zustände, und was er tat, war damals legal und wurde von vielen anderen auch mit erheblich brutaleren Mitteln gemacht, und diese Oligarchen, die tatsächlich mordend und erpressend durch die Lande ziehen, bleiben unbehelligt, weil sie sich nicht gegen Putin und sein Terrorregime stellen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%