Russland
Medwedjew: Chef in spe

Wer hat das Sagen im Kreml? 100 Tage ist Dmitrij Medwedjew jetzt im Amt, doch im Kaukasus-Krieg macht sein Vorgänger Putin die Schlagzeilen. Auf den Spuren eines Mannes, der seine Rolle sucht.

MOSKAU. Dmitrij Medwedjew liebt Türen. Meist alte, eingefasst in barocke Portale, umrankt von Efeu. Oder das Spiel von türkisfarbenem Wasser und Licht vor dem Bug eines Schiffes. Sanfte Landschaften, Berge und Meer. Es ist Juni, Dmitrij Medwedjew hat zum EU-Russland-Gipfel in die Hauptstadt einer der ölreichsten Regionen Russlands geladen, ins sibirische Chanty-Mansijsk. Der neue Kremlherr bemüht sich sichtlich um Harmonie und eine persönliche Ebene. Bereits zum Beginn des Gipfels erhalten alle Delegationsteilnehmer einen handsignierten gebundenen Fotoband - mit seinen eigenen Aufnahmen. Der Krieg im Kaukasus mit seinen vielen zivilen Opfern und Flüchtlingen ist da noch weit weg.

Welch ein Kontrast: In seiner Motivwahl offenbart der Hobby-Fotograf Medwedjew einen starken Sinn für friedliche, zeitlose Momente. Seine Bilder könnten irgendwo, irgendwann in Italien entstanden sein. Sicher nicht in Russland. Bemerkenswert auch: Seine Fotos zeigen keine Menschen, sie wirken ein wenig künstlich, leer.

So wie er? Ist Dmitrij Medwedjew die schlechte Kopie seines Vorgängers Wladimir Putin, ein Klon und Befehlsempfänger? Der aktuelle Konflikt mit Georgien hat die Frage wieder mit neuer Dringlichkeit aufgeworfen. Er zeigt sehr deutlich, dass Medwedjews erste Versuche, sich aus dem Schatten seines Vorgängers Wladimir Putin zu lösen, allenfalls Langzeitwirkung zeitigen.

Morgen ist Medwedjew genau 100 Tage im Amt. Es ist meist die Zeit, in der eine erste Bilanz gezogen wird: Wie schlägt sich der neue Mann? Hat er seine Mannschaft im Griff? Hält er seine Wahlversprechen? Im Fall des Dmitrij Medwedjew stellt sich noch eine weitere Frage: Wie lange dauert es, bis er den Konflikt mit seinem politischen Ziehvater wagt, der offenbar immer weniger gewillt ist, sich an die verfassungsmäßigen Grenzen seines Amtes zu halten?

Gerade hatte der junge Präsident erste Konturen gezeigt, international an Format gewonnen, da funkt sein Ministerpräsident mit aller Macht dazwischen: Im hellen Blouson steht Putin im Krisengebiet, tröstet Flüchtlinge vor laufenden Kameras und startet in gewohnter Manier eine politische Verbalattacke nach der anderen. Dabei hat er der Verfassung nach nur ein Mitspracherecht in der Außenwirtschaftspolitik.

Der Konflikt zwischen Präsident und Ministerpräsident scheint da nahezu programmiert, denn Putin selbst war es, der den in der russischen Geschichte noch nie da gewesenen Rollentausch an der Staatsspitze initiiert hat, bei der ein selbstbewusster politischer Führer wie Putin in die zweite Reihe tritt und das mächtigste Amt im Staat einem anderen überlässt.

Trotz vieler Unkenrufe funktionierte die "Tandem-Demokratie" nach außen jedoch zunächst recht reibungslos. Und sie ließ Medwedjew Raum für eine eigene Handschrift: hier ein präsidialer Erlass, dort eine Personalentscheidung. Doch dann sprechen im Kaukasus die Waffen. Als die georgischen Truppen nach einer monatelangen Eskalation in der vergangenen Woche Bomben auf Südossetien werfen, ist Medwedjew im Urlaub und schippert auf der Wolga. Putin prescht dagegen nach vorne, geißelt von Olympia in Peking aus die Militäroffensive Georgiens und trifft sich dort mehrfach mit US-Präsident George W. Bush.

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