Russland
Medwedjew scheut den offenen Konflikt mit Putin

Der russische Präsident betonte bei seiner ersten großen Pressekonferenz Gemeinsamkeiten mit Putin. Doch die Unterschiede kann er nicht immer kaschieren. Medwedjew zeigt sich zudem kein bisschen amtsmüde.
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MoskauGanz am Ende seiner ersten und womöglich letzten großen Pressekonferenz lag Dmitrij Medwedjew eine Frage auf dem Herzen, die ihm niemand gestellt hatte. Also kramte der russische Präsident kurz in seinen Unterlagen und las die per E-Mail eingereichte Frage eines russischen Journalisten vor: Was sind die Erfolge und Misserfolge seiner Präsidentschaft, jetzt, fast ein Jahr vor Ende der Amtszeit?
Medwedjew nannte die recht sanfte Bewältigung der Finanzkrise als den größten Erfolg - und ging dann mit sich selbst ins Gericht: "Wir haben es nicht geschafft, die Wirtschaft zu diversifizieren, uns aus der Abhängigkeit von Rohstoffen zu lösen und ein günstigeres Investitionsklima zu schaffen." Beifall zum Abschied.

Konferenz vor 800 Journalisten

War das alles? Mehr als 800 Journalisten hatten den Kremlchef bei dieser Pressekonferenz ins Kreuzfeuer genommen. Der Frage, ob er zu den Wahlen im März noch einmal antritt, wich Medwedjew aus. Für eine Entscheidung in der Kandidatenfrage sei die "Zeit nicht reif". Eine Kampfkandidatur mit Regierungschef Wladimir Putin schloss er indirekt aus, denn er fürchte eine "Konkurrenz, die in die Sackgasse führt".
Nun geht das Rästelraten über die Zukunft Russlands weiter. Premier Putin macht in letzter Zeit den Eindruck, als wolle er noch einmal in den Kreml einziehen. Aber auch Medwedjew präsentierte sich vor der Presse sehr souverän und schlagfertig, auf keinen Fall amtsmüde. Humorvoll bis süffisant wich er auch absurden Fragen aus.

Die russischen Wähler lassen sich mit solchen Show-Momenten leicht einwickeln - zumal die zweistündige Pressekonferenz live im Fernsehen übertragen wurde. Bei kniffligen Fragen, die Putin betrafen, bemühte sich Medwedjew dagegen, in vollem Ernst seiner Linie treu zu bleiben. Putin sei ein Gleichgesinnter, in strategischen Fragen sei man sich einig. Dass sich ihr Politikstil im Detail unterscheide, sei gut, denn "sonst würde es ja langweilig". Der Präsident gab aber zu, dass Putin Modernisierung eher als langsamen Prozess verstehe, wogegen er dynamischere Fortschritte für möglich und nötig halte.

Präsident kaschiert Brüche

Brüche zwischen ihm und Putin konnte Medwedjew gestern erfolgreich kaschieren. Nur bei einer Frage wurde er nervös, es ging um den während Putins Amtszeit enteigneten und verurteilten Ölbaron Michail Chodorkowskij. Ob dessen Freilassung "gefährlich für die Gesellschaft" wäre, wollte ein russischer Journalist wissen. Die Antwort war knapp, aber klar: "Chodorkowskijs Freilassung wäre absolut nicht gefährlich." Putin wird das nicht gefallen haben.

Florian Willershausen
Florian Willershausen
Handelsblatt / Korrespondent

Kommentare zu " Russland: Medwedjew scheut den offenen Konflikt mit Putin"

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  • Medwedjew und Putin sind 2 Köpfe der gleichen Hydra, da glaubt doch keiner, dass die ernsthaft Streit haben. Aber ein so großes Land wie Russland muss man halb diktatorisch, halb aristokratisch regieren. Echte Demokratie ist doch sowieso eine Illusion und in Russland mit so viel Wodka auch nicht machbar. Putin wird wieder Präsident in RUssland, da bin ich mir recht sicher, gut so !

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