Russland
Russland: Das Brüllen des kleinen Bären

Im zweiten Jahr seiner Amtszeit versucht Russlands Präsident Dmitrij Medwedjew, sich deutlich stärker von seinem Vorgänger abzusetzen. Erst jetzt zeigt er ein eigenes Profil. Doch derweil kommen unglaubliche Gerüchte auf. Plant Wladimir Putin sein Comeback? Ein Report.

MOSKAU. Da ist sie wieder, diese Frage, die ihn wie ein Gespenst verfolgt: „Wer ist eigentlich der wahre Präsident Russlands?“ Dmitrij Medwedjew, seit über einem Jahr Herr im Kreml, seufzt, ruckelt auf seinem Stuhl herum, klopft mit dem Stift kurz auf den Tisch. Eine Stunde schon plätschert das Gespräch mit ausländischen Wissenschaftlern und Journalisten Anfang dieser Woche im Ballsaal des Kaufhaus Gum vor sich hin. „Ich wusste es“, lächelt er. „Diese Frage musste kommen. Was soll ich jetzt sagen?“

Seit er sein Amt angetreten hat, wird er diese Frage einfach nicht los. Wer ist Koch und wer der Kellner? Wer kreiert das Menü? Er, der Präsident, oder Wladimir Putin, der Regierungschef und sein Vorgänger, der ihm den Weg ins höchste Staatsamt ebnete?

Dabei könnte alles so einfach sein: Wenn Medwedjew aus den Fenstern des Festsaals schaut, blitzt hinter dem Lenin-Mausoleum das sonnenbeschienene Dach des Kremls. Steingewordene Macht. Seit er dort eingezogen ist, erlebt Russland ein politisches Experiment: nicht einer herrscht, sondern zwei.

Eisern hält das Gespann Putin-Medwedjew nach außen zusammen. Und doch treten immer häufiger Unterschiede zutage. Es wird offensichtlicher: Medwedjew will sich emanzipieren. Er beginnt, sich von seinem Mentor abzusetzen.

Wer ist der wahre Herrscher Russlands? Putin hatte mit einer nachlässigen Bemerkung diese Debatte vor einigen Tagen angeheizt. Ein Mittagessen in seiner Residenz vor den Toren Moskaus. Die Gäste machen sich über das Kalbsfilet und den Barsch her. Da lässt der Hausherr eine kleine Bombe platzen. 2012 würden Medwedjew und er gemeinsam entscheiden, wer von beiden als Präsidentschaftskandidat antritt. Prompt rätselt die Welt, ob dies eine Rückkehr Putins in den Kreml bedeutet.

Dabei hatte Medwedjew gerade begonnen, eigene Akzente zu setzen, um im In- und Ausland klarzumachen, dass er in Russland die Linie vorgibt. In einem Artikel im Internet ging er korrupte Staatsdiener und unfähige Manager so hart an und zeichnete ein so düsteres Bild Russlands, dass viele dies als überfällige Attacke auf den Premierminister werteten und als Versuch, Eigenständigkeit zu demonstrieren.

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