Russland senkt den Leitzins
Zustand kritisch – aber Patient stabil

Erst Sündenbock, jetzt Heilsbringerin: Russlands Notenbankchefin Elwira Nabiullina musste für ihre Geldpolitik viel Prügel einstecken. Doch langsam erholt sich der Rubel. Über den Berg ist die Wirtschaft aber nicht.
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MoskauRusslands Machthaber strahlen schon wieder so etwas wie Zuversicht aus: Der russische Rubel hat sich sich wieder gefangen. Und so gab Instituts-Chefin Elwira Nabiullina auf der Sitzung der russischen Zentralbank am Donnerstag bekannt, den Leitzins von bisher 14 Prozent um 1,5 Prozentpunkte auf nun 12,5 Prozent zu senken. Die lange herbeigesehnte Leitzinssenkung fällt überraschend deutlich aus, Experten hatten nur mit 13 Prozent gerechnet. Doch diese Entscheidung ist wohl ganz im Sinne der russischen Regierung und des Finanzministeriums.

Die Nachricht passt zur Entwicklung des Bruttosozialprodukts (BIP). Das sei im ersten Quartal zwar um etwa zwei Prozent gesunken, hatte Premierminister Dimitri Medwedew am Dienstag vergangener Woche im russischen Parlament, der Duma, erklärt. Doch das ist deutlich besser als erwartet.

Bereits zum dritten Mal in diesem Jahr lockern die russischen Währungshüter nun die Zinsschraube. Der Euro stieg zum Rubel um moderate 1,5 Prozent. Damit zeichnet sich in Grundzügen das Ende einer Rettungsaktion für die Landeswährung ab, die Zentralbank-Chefin Nabiullina zwischenzeitlich zum Sündenbock der Nation werden ließ.

Denn die Lage war düster im Dezember: Der Rubel hatte die Hälfte seines Werts zum Euro und Dollar verloren. Moskaus Börse stürzte ab, die Währungsreserven schmolzen zusammen. Russlands Ökonomen sprachen von einer Betonwand, auf die das Land zurase. Putins konservative Wirtschaftsberater warfen Nabiullina sogar Sabotage vor, weil die Zentralbank den Leitzins bis zur Schmerzgrenze auf 17,5 Prozent festzurrte, anstatt Kapitalkontrollen und Dollarbindung einzuführen.

„An ihrer Stelle würde ich mir eine Pistole nehmen und mich erschießen“, sagte Wiktor Gerashchenko damals in einem Interview. Er war zweimal in seiner Karriere Chef der russischen Zentralbank. Dabei bringt diesen Mann so schnell nichts aus der Fassung: Er hat zwei Rubelcrashs aus nächster Nähe miterlebt. Der erste 1994 kostete ihn den Job als Währungshüter, der zweite, nach dem Staatsbankrott 1998, katapultierte ihn zurück auf den alten Posten. Doch angesichts der Probleme, vor denen seine Nachfolgerin Nabiullina vergangenen Dezember stand, bleib auch Gerashchenko nichts anderes als Galgenhumor.

Doch Nabiullina knickte damals nicht ein und hielt am hohen Leitzins fest. Zum Glück: Denn, dass Russland heute schon wieder besser dasteht, liegt auch an Nabiullinas konsequenter Geldpolitik. Sie wartete auf den richtigen Zeitpunkt – und der scheint jetzt gekommen. Am Freitag sagte Finanzminister Anton Siluanow, der Rubel habe mehr an Wert gewonnen, als notwendig. „Es war wichtig, dass die Zentralbank einem enormen Druck widerstanden hat, den Rubelkurs künstlich zu stützen oder Kapitalkontrollen einzuführen“, erklärt Experte Lissowolik Chefvolkswirt der Deutschen Bank in Moskau.

Die katastrophale Stimmung Ende des Jahres habe sich nicht bestätigt. „Das moderate Minus des BIP, Verbesserungen beim Kapitalabfluss und auch bei der Performance des Rubels sorgen für positivere Erwartungen“, sagt Lissowolik. Verantwortlich dafür sei nicht nur der Ölpreis, der sich oberhalb von 60 US-Dollar pro Barrel stabilisiert habe.

Was den Finanzbereich angeht, sei das Krisenmanagement durchaus erfolgreich gewesen. In ihrem jüngsten Bericht lobte die Weltbank den vorgezogenen Übergang zum freien Rubelkurs und Kapitalspritzen für das Bankenwesen als „adäquate und rechtzeitige“ Maßnahmen.

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