Russland setzt Minderheiten unter Druck
Vom Ferkel bis zum Schwertfisch

Präsident Wladimir Putin hat entschieden: Russlands Wochenmärkte sollen russischer werden. Wer nicht die russische Staatsbürgerschaft besitzt, darf ab dem 1. April nichts mehr an Russen verkaufen. Das nährt die Fremdenfeindlichkeit – und führt zu Versorgungsengpässen.

MOSKAU. Jamse tritt vor ihrem Früchtestand von einem Fuß auf den anderen. Es ist sehr kalt in der Halle des Tscherjomuschkinski-Marktes in Moskau – und ziemlich leer. Neben der dick eingemummelten Händlerin sind viele Stände frei – rund ein Drittel insgesamt auf dem Markt. Dort, wo sich früher wie auf einem orientalischen Bazar Gemüse, Obst und Fleisch türmten, stehen nur blanke Tische.

Warum? „Die Händler sind weg“, sagt Jamse. In das Gesicht der Mitfünfzigerin aus Georgien haben sich viele kalte Wintertage gefurcht. Auf und davon sind die Kollegen, weil sie illegal in Russland leben – oder weil sie nicht mehr in die neue Quote passen. Heute sind noch mehr Stände als sonst verwaist – aus Angst: Es hat sich herumgesprochen, dass die Miliz eine Kontrolle durchführen will.

Ihr Boss, Präsident Wladimir Putin, will, dass Russlands Märkte wieder russisch werden. Seit Mitte Januar gelten für die so genannten Bauernmärkte neue Bestimmungen: Nur noch 40 Prozent der Verkäufer dürfen Einwanderer sein. Und bis zum 1. April dürften sich die Hallen von Tscherjomuschkinski und anderswo noch weiter leeren, bis dahin nämlich soll das Gesetz, das auf eine Initiative Putins „zum Schutz der einheimischen Bevölkerung“ zurückgeht, vollständig umgesetzt sein. Wer keinen russischen Pass hat, soll dann zumeist auch keinen Apfel mehr an Russen verkaufen dürfen.

Die Folgen der neuen „Russifizierung“ sind im ganzen Land zu spüren. Leere Märkte in Moskau, im Fernen Osten verlassen Chinesen und Vietnamesen ihre Stände. Die Behörden räumen den Exodus der Kleinhändler inzwischen ein, aber geändert hat sich nichts.

Und die meisten Stände werden wohl auch leer bleiben, glaubt Händlerin Jamse in Moskau: „Welcher Russe will denn unter diesen Bedingungen arbeiten?“ Pro 1,5 Meter ihres Standes zahlt sie 600 Rubel Gebühr täglich. Oft bleiben ihr am Tag nur 500 Rubel Verdienst – knapp 15 Euro. „Die Russen sind einfach zu verwöhnt“, findet sie.

Als Georgierin hat Jamse bereits ihre Erfahrungen mit den „Russland-den-Russen“-Maßnahmen gemacht. Im vergangenen Herbst setzte die russische Regierung die georgische Minderheit im Land mit einer beispiellosen Kampagne unter Druck und deportierte mehrere hundert „Illegale“ zurück nach Georgien.

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