Russland und USA
Der Kampf um die Arktis

  • 4

Die Arktis als geopolitische Chance

Das wachsende Interesse an der Arktis bietet nach Ischingers Meinung aber auch die Chance zu neuen Formen der Kooperation. Zwar gebe es schon einen Arktischen Rat. Dieser sei „als Plattform für die Anrainerstaaten sehr wichtig, aber seine Möglichkeiten sind beschränkt, weil im Rat keine bindenden Entscheidungen getroffen werden können“, gibt Ischinger zu bedenken. So habe man dort nur mühevoll einen offenen Streit mit den Amerikanern über den Klimawandel vermeiden können. Besser wäre es daher, wenn Russland und die USA direkt ins Gespräch kämen und gemeinsame Interessen in der Region betonten.

„Wenn Moskau in der Ukraine-Krise mehr Entgegenkommen zeigen würde, könnten sich neue Möglichkeiten ergeben, um wieder enger mit den Amerikanern bei der Rohstoffexploration in der Arktis zu kooperieren“, sagt der MSC-Chef. Die Arktis sei also geopolitisch auch eine Chance. Das jüngste Angebot des Kreml, der Stationierung von Blauhelm-Soldaten der Vereinten Nationen in der Ostukraine zuzustimmen, könnte darauf hindeuten, dass ein Umdenken in Moskau eingesetzt hat.

Russland ist auf amerikanische Expertise angewiesen, um die Pläne zur Erschließung der Arktis umzusetzen. Die Wirtschaftssanktionen des Westens treffen das Land hart. Es fehlt an Know-how, um in den Tiefen unter dem schmelzenden Polareis Rohstoffe zu fördern. Dabei sind es diese Reserven, die über das Wachstum des russischen Öl- und Gassektors entscheiden. Ein Viertel der bislang unerschlossenen Lagerstätten soll sich in arktischen Regionen befinden, etwa 80 Prozent davon in der Tiefsee.

Auch Washington hat längst erkennt, welche Schätze der hohe Norden beherbergt. US-Präsident Donald Trump hat vorsichtshalber das von seinem Vorgänger Barack Obama verhängte Verbot von Tiefseebohrungen in der Arktis aufgehoben. Auch wenn der Ölpreis im Moment niedrig ist, Tiefseebohrungen teuer sind und die USA sich mehr für Fracking auf dem Festland interessieren, haben die russischen Expansionspläne die Amerikaner hellhörig gemacht. Im Kongress bezeichnete US-Verteidigungsminister James Mattis die Arktis jüngst als „strategische Schlüsselregion“.

Bei der Militarisierung der Arktis ist Putin den Amerikanern allerdings um einiges voraus. Er hat dort nicht nur Tiefseehäfen und Forschungsanlagen ausgebaut, sondern zwei Brigaden in den Polarkreis verlegt und alte Militärflugfelder reaktiviert. Neue Militärbasen befinden sich im Bau. Darüber hinaus hat Moskau moderne Raketenabwehrsysteme in die Arktis verlegt – zum Schutz vor einer Aggression durch die Nato, wie es im Kreml heißt. Russlands nordische Flotte hat ihren Sitz in der Arktis und umfasst etwa zwei Drittel aller russischen Marine-Streitkräfte.

Die Nato steht nun unter Druck, auf die russische Herausforderung im Eismeer zu reagieren. Militärexperten wie Luke Coffey von der konservativen Heritage Foundation in Washington, fordern seit Jahren eine Antwort der Nato im hohen Norden. Das westliche Bündnis hat sich bislang jedoch noch nicht auf eine gemeinsame Strategie einigen können. Dazu müsste man wohl auch Anrainer wie Finnland und Schweden mit ins Boot holen, die beide nicht Mitglied der Nato sind.

Ischinger warnt davor, sich auf einen Aufrüstungswettlauf mit den Russen einzulassen. „Es wäre nicht gut, wenn jetzt die Nato mit ihrem eigenen Arktis-Programm kommen würde. Das schürt in Moskau sofort Misstrauen“, mahnt der Diplomat. Die bisherige Zurückhaltung sei richtig. Genauso wie der Klimawandel in der Arktis die Rivalität zwischen Russen und Amerikanern anheizt, könnte er auch neue Kooperationsformen erzwingen. Nach Messungen von Geologen erwärmt sich die Erde in der Arktis doppelt so schnell wie anderswo. Bleibt es dabei, könnte Grönland komplett eisfrei werden und den Meeresspiegel kräftig steigen lassen. Eine Bedrohung für Küstenregionen in Russland und den USA.

Seite 1:

Der Kampf um die Arktis

Seite 2:

Die Arktis als geopolitische Chance

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent

Kommentare zu " Russland und USA: Der Kampf um die Arktis"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • ab einem zweistelligen IQ könnte man jetzt folgendes suggerieren:

    a) das Eis soll dort auch schmelzen, damit "die Region" besser zugänglich ist für Konzerne/Staaten die an Ölförderung etc. interessiert sind -> Also doch keine brutale Angst vor Eisschmelze? Oder wie passt das zusammen?

    b) jetzt geschieht eine Art Produktdiversifikation:
    Die Wirtschaft sahnt gerne zweimal ab.
    -> b1) Eis schmilz, Sie kommen an die neuen Rohstoffe
    -> b2) da das Eis schmilzt (komisch, warum nur? xD) können Sie über geschicktes Marketing doppelt absahnen -> Ökoreligion

    Einwand: Ja aber "Öl-Industrie" ist doch klarer Gegner der Ökos... bla bla bla.

    Nein! schauen Sie sich Beteiligungen von Konzernen/JointVentures etc. an, im Prinzip sind es die gleichen Konzernen. Ob jetzt der Cousin oder der Papagei des Hundes der Besitzer ist, ist zweitrangig.

    Um was gehts? Geld. Klingt das für Sie logisch?
    Wenn Nein, dann glauben Sie gerne weiter daran.
    Falls mein Beitrag Sie zumindest zum Nachdenken bewogen hat, klassen, denke, Sie weiter nach und hören Sie nicht auf Kommentatoren, die Ihnen jeden Tag Nonsens erzählen wollen.

    Selbst denken ist die Devise

  • Der Artikel ist Geopolitik mit einem Schuss Ökoreligion gemischt. Schön wären im Artikel Details über die Rohstoffprojekte, oder der Stand der aktuellen Diskussion der Arktisstaaten gewesen.

    Der Satz: "Bleibt es dabei, könnte Grönland komplett eisfrei werden und den Meeresspiegel kräftig steigen lassen. Eine Bedrohung für Küstenregionen in Russland und den USA. "

    Sachlich gesehen ist die Eisschicht Grönlands bis zu 2000m dick. Wenn sich das Klima aus irgendwelchen Gründen erwärmen würde, würde es viele Jahrhunderte dauern bis das Eis Grönlands abgeschmolzen ist.

    Der Klimawandelnobelpreisträger Al Gore hatte 2009 vorhergesagt, dass die Arktis 2013 komplett eisfrei sei... Sachlich gesehen hat sich die "Globaltemperatur" seit der Kleinen Eiszeit (bis 1850) um 0,5 - 0,8 +-0,5°C erwärmt. Dadurch hat sich das arktische Eis etwas zurückgezogen. Eine eisfreie Arktis bedürfte einer wesentlich stärkeren Erwärmung.

  • "Der Wettlauf um die Erschließung des hohen Nordens hat längst begonnen und heizt die Rivalität zwischen den USA und Russland weiter an."

    Nicht nur die. Und den Schaden daraus haben letztlich alle gleichermaßen. Wir leben nämlich alle in der Atmosphäre desselben Planeten. Und wenn der in einigen Regionen unbewohnbar wird, bleibt den dort lebenden Menschen gar nichts anderes übrig, als in andere umzusiedeln.

    Wäre also gut, wenn man folgende Anregung aufgreifen würde:

    "„In Zeiten eines tiefen Zerwürfnisses zwischen Ost und West ist die Arktis neben der Raumfahrt eines der wenigen Themengebiete, in dem Ost und West gemeinsame Interessen haben und miteinander zusammenarbeiten können“, sagt Wolfgang Ischinger, Vorsitzender der Münchener Sicherheitskonferenz (MSC) (...). Dass es anders zu kommen droht, weiß er natürlich."


    @Herr Toni Ebert, 12.10.2017, 12:29 Uhr

    "Betrifft es uns??
    Können wir (das Volk) etwas daran ändern?"

    Zweimal klares Ja.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%