Russland vor dem G8-Gipfel
Der Kreml sucht sich seine Kritiker selbst aus

Vor dem G8-Gipfel in Sankt Petersburg gibt sich Russlands Präsident Wladimir Putin gelassen. Mit der Arbeit des Kongresses sei er zufrieden. Gerade dort ist die Konferenz der Staats- und Regierungschefs der wichtigsten Industrienationen jedoch nicht unumstritten.

MOSKAU. Der Präsident lässt warten. Doch als Wladimir Putin dann mit einstündiger Verspätung beim Treffen von Nichtregierungsorganisationen (NGO) in Moskau eintrifft, zündet er vor mehreren Hundert Teilnehmern und den Kameras der russischen Fernsehsender ein Charme-Feuerwerk: Froh sei er über die Arbeit, die der Kongress leiste. Die Ergebnisse sollten beim Treffen der G8-Staats- und Regierungschefs in Sankt Petersburg in zehn Tagen zur Sprache kommen. Als ein paar Atomkraftgegner Putin unterbrechen und in schwarzen T-Shirts auf ihre Stühle steigen, lächelt der Kreml-Herr den kleinen Tumult weg: „Sie sind hier, um ein Statement zu machen“, sagt er – und das sei gut so.

Sechs Arbeitsgruppen hört Putin sich im großen Plenarsaal des grauen Moskauer Welthandelszentrums an: Ob Energiesicherheit, Kampf gegen Aids, Menschenrechte oder genetisch modifizierte Lebensmittel – er runzelt die Stirn und macht sich Notizen. Und in der Tat – das, was die Vertreter der internationalen Zivilgesellschaft hier vorschlagen, habe er so oder so ähnlich auch in seinem Entwurf für den G8-Gipfel formuliert, so Putin. Ein britischer Teilnehmer spricht gar davon, dass Sankt Petersburg „Geschichte bei der Demokratisierung der G8“ machen werde.

Dabei ist die Konferenz vor dem Treffen der Staats- und Regierungschefs der wichtigsten Industrienationen keinesfalls unumstritten. Der Kongress, so fürchteten viele Teilnehmer, könnte von so genannten „Gongos“ dominiert sein, also Gruppen, die es dem Wortsinn nach nicht geben kann: Staatlich gesponserte oder gelenkte Nichtregierungsorganisationen. Eine Show für die Kameras also, ausstaffiert mit führenden Persönlichkeiten aus der internationalen Szene von Amnesty bis Oxfam.

Die Grauzone vor allem in Russland ist groß: Ob die Kreml-Jugendorganisation „Naschi“ oder die vom Präsidenten geschaffene „Gesellschaftskammer“, in der von ihm ausgewählte relevante Persönlichkeiten der Öffentlichkeit sitzen – der Staat hat begonnen sich, seine eigene Bürgergesellschaft zu bauen.

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