Russland wählt
Das stille Leiden der Wirtschaft in Putins Reich

Unter Wladimir Putin sollte Russland zur wirtschaftlichen Weltmacht werden. Doch nur die hohen Rohstoffpreise erlauben ihm, diese Fassade aufrechtzuerhalten. Dahinter herrschen wirtschaftliche Korruption und Willkür.
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MoskauAlexej Koslow ist zwischen die Fronten geraten. Links von ihm stehen junge Russen, kaum älter als 20 Jahre. Rote Pappherzen baumeln vor ihrer Brust, „Putin liebt alle“ steht darauf gedruckt. Rechts von Koslow halten sich Menschen an den Händen. Sie tragen Schals, Mützen und Schleifen am Mantelkragen, alles in Weiß, der Farbe des Protests gegen den Premierminister – und ab Sonntag wohl neuen Präsidenten – Wladimir Putin. Der Geschäftsmann Koslow ist Teil der Bewegung, die sich eine Woche vor der Präsidentenwahl in der Innenstadt versammelt hat. 30.000 Demonstranten bilden eine Menschenkette, 16 Kilometer lang. Sie umzingeln auch den Kreml, in den Putin erneut einziehen möchte. Koslow und seine Anhänger werden das nicht verhindern können, doch er sagt: „Zum ersten Mal spürt Putin einen Widerstand aus dem Volk. Darauf muss er reagieren.“

Johannes Schönhuber findet sich dieser Tage nicht unter den Protestierenden auf Moskaus Straßen. Wer dem Russland-Chef des deutschen Lebensmittelkonzerns Zentis aber eine Weile zuhört, der bekommt Ähnliches zu hören wie im Gespräch mit Koslow. Schönhuber beklagt starre Behörden, verkrustete Strukturen. Er sagt: „Es gibt so viele Vorschriften, dass man leicht unbewusst straffällig wird.“ Er nennt das eine „unnötige Kriminalisierung“. Es werde immer mehr Bürokratie geschaffen, die noch mehr Korruption ermögliche. „Für den sauberen Geschäftsmann wird es schwierig, die Schummler erwischt man sowieso nicht“, sagt Schönhuber.

Alexej Koslow und Johannes Schönhuber. Zwei Menschen, zwei Welten, ein Problem. Als Wladimir Putin vor mehr als einem Jahrzehnt zum starken Mann Russlands aufstieg, da versprach er seinen Landsleuten, künftig auch für ein wirtschaftlich starkes Russland zu streiten. Seither sind zwar allerlei schöne wirtschaftliche Fassaden entstanden, das Fundament aber ist porös.

Zwar bewerten etwa deutsche Unternehmer in Russland eine dritte Amtszeit Putins nach den Wahlen am Sonntag neutral. Doch auch sie sehen Reformbedarf, vor allem bei Bürokratie und Korruption, Visabestimmungen und Zollabfertigung. Auch sie sehen, dass vieles, was Russlands Wirtschaft in den letzten Jahren angetrieben hat, auf den hohen Rohstoffpreisen fußt und nicht etwa auf einer starken verarbeitenden Industrie. Das Gros der Unternehmen ist – von Rohstoffproduzenten und wenigen Softwareherstellern abgesehen – kaum wettbewerbsfähig. Das Wachstum hat sich seit der Wirtschaftskrise 2008 halbiert, trotz steigender Rohstoffpreise. Im vergangenen Jahr lag es bei 4,1 Prozent.

Die Summe der Bestechungsgelder, die jedes Jahr fließen, wird auf 300 bis 400 Milliarden Dollar geschätzt. Bei Rankings zu Investitionsbedingungen und Korruption landet Russland regelmäßig auf den hinteren Plätzen. Unternehmen und Anleger halten sich zurück, ausländische Direktinvestitionen flossen im vergangenen Jahr noch weit weniger als vor der Krise. Insgesamt zogen Anleger 2011 sogar 85 Milliarden Dollar aus Russland ab, der zweithöchste Wert in der Geschichte des Landes.

Kommentare zu " Russland wählt: Das stille Leiden der Wirtschaft in Putins Reich"

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  • @ Anonymer Benutzer: jjbs,

    Irrtum !!! In Deutschland wird zwar niemand mehr erschossen, aber durch den Entzug der Existenzgrundlagen in den Freitod getrieben. Das ist viel grausamer und niemand ist zuständig. Das gilt auch für Milliadäre.

  • Dass die Spitzen der deutschen Wirtschaft in Moskau gern gesehen werden, mit Opernaufführungen samt deutschem Personal und deutschem Geld, hat auch die deutsche Wirtschaft nicht daran gehindert, mit der "leidenden" Wirtschaft im Lande Zar Putins des I. auch fürderhin Geschäfte zu tätigen.

  • @ jjbs

    Sind sie da ganz sicher ?

    Ich kann auch nicht verstehen, worüber sich der Autor aufregt.

    Schauen wir mal nach Amerika oder nur kritisch unsere Politik, die Parteien und ihr Kungelei an.
    Oder ist etwa das die bessere demokratische Politik in der am meisten Einfluss hat, der das meiste Geld auf wenden kann um die Medien in seinem Sinne zu beeinflussen.
    Demokratie ist so ein weiter Begriff und es kommt immer darauf an aus welchem Blickwinkel man sieht.

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