Russlands neuer Strafenkatalog
Zwangsarbeit statt Knast

Statt einer Haftstrafe können russische Richter künftig auch Zwangsarbeit anordnen. Denn das derzeitige System belastet das Land – sowohl moralisch als auch finanziell. Jeder zweite Häftling wird zum Wiederholungstäter.
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MoskauRussland erweitert zum Jahreswechsel seinen Strafenkatalog: Künftig können Richter bei einigen Vergehen statt einer Haftstrafe Zwangsarbeit anordnen. Die russische Gefängnisbehörde FSIN eröffnet im Januar vier „Besserungszentren“ – in Sibirien, Russlands Fernost, im Kaukasus und im Wolgagebiet – und sieben Aufnahmepunkte für Zwangsarbeiter. Insgesamt bieten sie zunächst einmal 900 Verurteilten Platz.

Im Gegensatz zur Haftstrafe seien die Täter „nicht von der Gesellschaft isoliert“, betonte der Vizedirektor der FSIN Waleri Maximenko. Sie könnten Telefon und Internet benutzen, einen Teil des verdienten Geldes behalten, einen normalen Arzt aufsuchen und nach Verbüßung von einem Drittel der Strafe auch außerhalb der Zentren mit ihren Familien zusammenleben – vorausgesetzt, sie verstoßen weder gegen ihre Arbeitspflicht noch gegen andere Auflagen: Der Konsum von Alkohol und Drogen zieht die Umwandlung der Zwangsarbeit in Haft nach sich.

Das wollen nicht nur die Straftäter selbst verhindern. Auch für Russland ist das derzeitige Gefängnissystem belastend: moralisch und finanziell. Russische Gefängnisse haben nicht erst seit dem dubiosen Tod des Wirtschaftsanwalts Sergej Magnitzki in seiner Zelle einen schlechten Ruf. Sie sind alt, überfüllt und dreckig. Innen herrscht ein Klima der Angst und Gewalt, die sowohl von Mitgefangenen als auch von den Wärtern ausgeht. Das führt auch immer wieder zu Unzufriedenheit und Aufständen wie zuletzt im vergangenen Februar, als in der Jugendvollzugsanstalt Moschaisk Jugendliche gegen die Willkür der Aufseher rebellierten.

Dabei lässt sich der Staat seine Zuchthäuser einiges kosten: 2016 wurden im Haushalt 265 Milliarden Rubel (umgerechnet vier Milliarden Euro) dafür veranschlagt. Bei den Insassen kommt aber wenig an. Fast 75 Prozent gehen für den Unterhalt des Personals drauf, das sich trotz der Anschaffung von Tausenden Videokameras und Metalldetektoren nur unwesentlich verringert hat. Für die Gefangenen selbst gibt Russland hingegen laut einem Expertenbericht des Europarats nur 2,20 Euro pro Tag aus – 50 mal weniger als andere europäische Länder im Durchschnitt. Schlimmer noch: Es gibt kein Konzept für eine Resozialisierung. Die wenigsten Häftlinge finden daher nach der Freilassung in geordnete Bahnen zurück.
So war es auch bei Nikolai: An einem grauen Herbsttag erfuhr der Moskauer, dass er durch eine Amnestie vorzeitig freikommen würde. Schöner könnte sich auch ein Frühlingsanfang nicht anfühlen. Den Neubeginn startete er mit einer Party. Er machte eine Nudelpfanne, kaufte reichlich Wodka, lud ein paar Freunde und leichte Mädchen ein und feierte. Das Gleiche machte er am Folgetag. Und am Tag darauf. Und in der nächsten Woche. Irgendwann war das Geld alle. Nikolai beschaffte sich neues. Erst verscherbelte er den Hausrat seiner Mutter, dann stieg er um auf Betrug.

Kommentare zu " Russlands neuer Strafenkatalog: Zwangsarbeit statt Knast"

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  • Die Zwangsarbeit für Strafgefangene und andere Gefangene in Sibirien ist eine lange russische Tradition.

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    Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich. http://www.handelsblatt.com/netiquette 

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