San Francisco
Armut im Paradies

Neureiche Tech-Arbeitnehmer ziehen für Unternehmen wie Twitter nach San Francisco. Deshalb schnellen die Mieten in absurde Höhen, Normalsterbliche können sich ihre Wohnungen nicht mehr leisten – schuld ist ein Gesetz.
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San FranciscoAuch die Obdachlosenbetreuung muss mit der Zeit gehen. Seit 100 Jahren hilft die gemeinnützige Stiftung Compass in San Francisco Familien in Not. Ein Dach über dem Kopf zu finden ist noch immer die wichtigste Aufgabe, denn das ist in der einstigen Hippie-Stadt San Francisco fast unmöglich. Aber die Zukunft der Kinder will Compass-Leiterin Erica Kisch auch nicht vernachlässigen.

Seit Mai 2014 kooperiert sie mit „TwitterforGood“, der wohltätigen Stiftung des lokalen Microblogging-Dienstes. Im „Twitter-Nachbarschafts-Nest“ bekommen die Kleinen grundlegende Kenntnisse über die Technologiewelt da draußen vermittelt. Kenntnisse, ohne die man heute nicht nur im Silicon Valley die Schulzeit kaum erfolgreich überleben kann. „Das ist ein riesiger Schritt für uns“, so Erica Kisch.

Die Partnerschaft ist lobenswert, aber nicht ohne Beigeschmack. Es sind Unternehmen wie Twitter, die mit dem Versprechen langjähriger Steuersubventionen in signifikanter Millionenhöhe nach San Francisco gelockt wurden, die die Stadt unbezahlbar machen. In ihrem Sog folgen junge Tech-Angestellten, die schnell sechsstellige Gehälter beziehen. Sie zahlen Mieten, die sich immer weniger außerhalb der High-Tech-Branche leisten können. Eine Million Dollar investiert Twitter nun in die Vorschulausbildung der entwurzelten Kinder. Nicht der Rede wert bei einer Börsenkapitalisierung von 32 Milliarden Dollar.

Aber Erica Kisch ist realistisch. Es lohnt nicht, gegen die Tech-Riesen zu kämpfen. Compass will sie dagegen in die Verantwortung nehmen. Nach eigenen Angaben unterstützt die Organisation in der 800.000 Einwohner-Stadt rund 3500 Menschen pro Jahr, die Hälfte davon unter 18 Jahren. Meist sind es Alleinerzieher-Haushalte mit einem oder zwei Kindern, und 90 Prozent davon sind obdachlos und leben unter der Armutsgrenze.

Um nur die durchschnittlichen Miet- und Nebenkosten und Essen für drei Personen in der Boomstadt an der Bucht von San Francisco aufzubringen müsste ein alleinerziehender Elternteil vier Mindestlohn-Vollzeitjobs haben, also 32 Stunden pro 24-Stunden-Tag arbeiten. Und das, obwohl der Mindestlohn der Stadt mit über zehn Dollar pro Stunde am oberen Ende von ganz Amerika liegt. Gerade erst vor einem Monat wurde er im benachbarten Oakland, nur zehn Minuten entfernt, von acht auf neun Dollar angehoben. Immer mehr „Vertriebene“ aus San Francisco wandern wegen unbezahlbarer Mieterhöhungen nach Oakland aus und treiben dort Mieten und Lebenshaltungskosten in die Höhe.

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