Sapin, Schäuble und der begrenzte Konflikt
Beziehungskrise zwischen Berlin und Paris

Dissonanzen beim „deutsch-französischen Paar“: Die Freundschaft zwischen den beiden Ländern wird oft gefeiert. Konflikte, meist verschwiegen. Sorgt Sapins harsche Kritik im Handelsblatt-Interview für Spannungen?
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ParisSeit 51 Jahren, seit sie den Elysée-Vertrag unterzeichneten, feiern die deutsche und die französische Regierung ihre Freundschaft. Das „deutsch-französische Paar“, wie man es in Paris nennt, ist allerdings eine merkwürdig lebensfremde Beziehung, zumindest in seiner eigenen Darstellung. Denn es kennt offiziell keine Konflikte. Alles ist immer süßes Einvernehmen. Dabei weiß jedermann, dass Partnerschaften nicht ohne Konflikte auskommen. Sie brauchen sie und reifen an ihnen.

„Was den Grexit angeht, habe ich einen Dissens mit Wolfgang Schäuble, einen klaren Dissens.“ Die Worte von Schäubles französischem Amtskollegen – und Freund, wie es beide darstellen – Michel Sapin im Interview mit dem Handelsblatt sind in Deutschland wie in Frankreich stark beachtet worden. Beginnt damit eine Phase von Spannungen?

Yves Bertoncini, Präsident des Jacques Delors-Instituts, glaubt nicht daran. Der 45-jährige hat politische Erfahrungen in seinem früheren Leben gesammelt, als Mitarbeiter des Generalsekretariats für Angelegenheiten der Europäischen Union, der Schaltstelle für die Europapolitik beim französischen Premierminister.

„Das erste, was man mir gesagt hat, war: Es gibt nicht den deutschen Standpunkt, in Deutschland hast du es mit Koalitionsregierungen zu tun, entsprechend sind die Positionen nuancierter als im französischen Präsidialsystem“, erinnert sich der Vertraute des früheren Kommissionspräsidenten Jacques Delors.

Schäubles temporärer Grexit ist ein gutes Beispiel dafür: Der Finanzminister hat Teile der CDU hinter sich, die Kanzlerin und die SPD aber gegen sich. In Frankreich ist es viel einfacher: Da hat Staatspräsident François Hollande am ersten Tag des entscheidenden Griechenland-Gipfels vom 11./12. Juli festgestellt, es könne keinen temporären Grexit geben, wie Schäuble es in der Eurogruppe vorgeschlagen hatte.

Was Hollande nicht mehr wiederholte, war seine eigene Drohung mit einem Dauer-Grexit. Sapin ist so ehrlich und räumt im Handelsblatt-Interview ein, dass die vorher auf dem Tisch lag: „Ich glaube, dass es im entscheidenden Moment richtig war zu sagen: Hört mal, wenn wir keine gemeinsame Lösung finden, läuft es darauf hinaus, dass ihr austretet.“

Hollande spürte beim Beginn des Gipfels aber bereits, dass er die griechische Regierung mit dieser Drohung in die Ecke manövriert hatte und dass Premier Tsipras nichts anderes übrig blieb, als einzuknicken, wenn er nicht als der Premier vom Platz gehen wollte, der Griechenland aus Europa hinauskugelte. Da war es für Hollande ein Gebot der politischen Klugheit, nicht länger vom Grexit zu reden.

Bertoncini räumt ein, dass es eine neue Erfahrung sei, wenn ein französischer Minister sich in der Öffentlichkeit gegen seinen deutschen Amtskollegen positioniere.

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„Er hat gegen die Regeln verstoßen“

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  • Während die Zinssätze zu niedrig für Spanien, Irland, etc. waren, wer hat vor allem davon profitiert? Bei den Exporten? Wie stark wäre die D Mark gerade?

  • Ja, das hat Deutschland sehr gut hin bekommen. Und ich finde, Herr Schäule macht alles richtig. Alleine schon deshalb, weil die Kolonial-Zecken uns beschimpfen.

    Richtig so, Herr Schäuble.

  • Wie konnte es ein Staat , der vom Krieg zerstört und besiegt ist, wagen das wirtschaftlich stärkste Land in Europa zu werden? Die Franzosen empfinden am meisten von allen 4 Siegermächten die Schmach der Drittrangigkeit, denn GB mit dem unabhängigen Pfund liegt vor Frankreich.
    Um aus dieser Position heraus zu kommen, ist Frankreich mit einem süss-sauren Lächeln bereit, Deutschland zu schaden, wie auch immer das gemacht werden kann. Hollandes "mon cherie" zu Angela ist ein übler Theaterschmalz, den Merkel eigentlich ganz gut pariert. Dagegen spielt sich Sapin als der Macher auf, der seinem Kollegen Schäuble erklärt, wie die Welt läuft, ohne für die selbst mitverschuldeten Flüchtlingsdesaster in Afrika eine Antwort zu finden.
    In Deutschland kann Merkel nur vor einem Ausverkauf Deutschlands bewahrt werden, wenn sie gezwungen wird , durch erstarkende Mitte Rechts Parteien mehr an die Zukunft der Menschen in Deutschland zu denken als an die restlichen Europäer, die die deutsche Torte unter sich aufteilen wollen. Das wäre das Gegenteil eines friedlichen ehrlichen Europas.

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