Sarkozy
„Sie haben sich als Pro-Europäer geoutet“

Der Mann sieht ganz klein aus unter der riesigen Kuppel der Straßburger EU-Volksvertretung. Doch sein Gesichtsausdruck verrät, dass er sich in diesem Moment ganz groß fühlt. Nicolas Sarkozy lächelt zufrieden. Sechs Monate lang hat Frankreichs Staatspräsident die Europäische Union geführt und dabei viele neue Freunde gewonnen.

STRASSBURG. Die Spitzenmänner der Europäischen Union kommen aus dem Schwärmen nicht mehr heraus. „Beeindruckend!“ lobt EU-Parlamentspräsident Hans-Gert Pöttering. „Meisterhaft!“, jubelt EU-Kommissionschef José Manuel Barroso. „Energisch, enthusiastisch, kreativ!“, rühmt Graham Watson, Chef der liberalen EU-Fraktion.

Zu Sarkozys neuen Freunden gehören sogar führende Leute aus dem gegnerischen politischen Lager. Zum Beispiel der sozialdemokratische EU-Fraktionsvorsitzende Martin Schulz. Anfangs sei er Sarkozy ja skeptisch begegnet, räumt Schulz ein. Doch dann habe der sich überraschenderweise „als Pro-Europäer geoutet“ und seine EU-Präsidentschaft zu einem „großen Erfolg“ gemacht.

Bei soviel Zuspruch von anderen könnte Sarkozy eigentlich auf Selbstlob verzichten, doch das ist nicht seine Art. Im Angesicht schwerer Krisen – ob zwischen Russland und Georgien oder an Banken und Börsen – sei es ihm gelungen, die 27 EU-Staaten zu einen. „Das war nicht einfach“, sagt Sarkozy vor dem Parlament – und fügt hinzu: „Das schafft man nur mit Mut und Willenskraft.“

Die von Sarkozy beschworene Einigkeit der EU hat im Kampf gegen die Rezession zwar gelitten. Unter dem Deckmantel des EU-Konjunkturpakets tut jeder Mitgliedstaat, was ihm beliebt. Doch wer mag die parlamentarischen Sarkozy-Festspiele schon mit derart unbequemen Wahrheiten stören? Eigentlich nur einer. Daniel Cohn-Bendit brüllt Sarkozy aus Leibeskräften an. „Es gibt Sachen, die selbst Sie nicht schaffen“, schreit der Grünen-Fraktionschef und holt tief Luft. Dann folgt eine Attacke, die dem Franzosen gar nicht gilt. „Sie haben es nicht geschafft“, schreit Cohn-Bendit, „gegen den ökonomischen Nationalismus Deutschlands vorzugehen.“

Vom größten EU-Mitgliedsstaat und seinem kleinen Konjunkturpaket ist ansonsten an diesem Vormittag kaum die Rede. Sarkozy erwähnt Bundeskanzlerin Angela Merkel mit keinem Wort – was auch eine Botschaft ist. Um so herzlicher dankt der scheidende EU-Ratspräsident dem Europaparlament und der EU-Kommission. Den französischen Einfluss in den beiden EU-Institutionen hat Sarkozy in den vergangenen Monaten klug gemehrt. Das gelang dem Staatschef mit einer Charme-Offensive, zu der sich seine Vorgänger niemals herabgelassen hätten. Französische Präsidenten waren bisher in den Europa-Hauptstädten Brüssel und Straßburg vor allem für ihre Arroganz bekannt.

Sarkozy bricht mit dieser Tradition. Er umgarnt die Europa-Politiker gezielt und erfolgreich. Früher als alle anderen EU–Regierungschefs schlug der Franzose Kommissionschef Barroso für eine zweite Amtszeit vor – und machte sich den Portugiesen damit zu einem treuen Verbündeten. „Herr Präsident, lieber Freund, wir beglückwünschen Sie zu ihrer bemerkenswerten Arbeit“, flötet Barroso in Straßburg.

Der EU-Parlamentspräsident fühlt sich ebenfalls hervorragend behandelt. Mit hörbarer Begeisterung zählt Pöttering auf, wie oft Sarkozy im letzten halben Jahr im Europaparlament auftrat (drei Mal) und wie oft er vom Staatspräsidenten nach Frankreich eingeladen wurde (zum Mittelmeer-Gipfel im Juli und zur Gedenkfeier an das Ende des 1. Weltkrieges im November). Pöttering: „Damit hat Sarkozy seine Wertschätzung gegenüber dem Europarlament zum Ausdruck gebracht.“

Diese Wertschätzung bekamen auch die Fraktionschefs des Europarlaments zu spüren. Sarkozy lud sie in die französische Hauptstadt ein und ließ sie dort von der Polizei zum Elysée-Palast eskortieren. Soviel Ehre wird EU-Parlamentariern nicht immer zuteil – und deshalb bleibt sie in Straßburg am Ende der französischen Präsidentschaft auch nicht unerwähnt. Der Sozialdemokrat Schulz erinnert süffisant daran, dass der einstige Apo-Anführer Cohn-Bendit 1968 in Paris ganz andere Erfahrungen mit Ordnungshütern sammelte. „Früher haben die Polizisten Dich gejagt“, sagt Schulz grinsend an die Adresse des Grünen-Politikers, „heute fährst Du hinter den Polizisten her.“ Da lacht der ganze Plenarsaal – auch der französische Staatspräsident.

Ruth Berschens leitet das Korrespondenten-Büro in Brüssel.
Ruth Berschens
Handelsblatt / Büroleiterin Brüssel
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