Saudi-Arabien und Terror
Der Partner mit den zwei Gesichtern

47 Exekutionen an einem Tag: Die Hinrichtungen in Saudi-Arabien verdeutlichen die Zweischneidigkeit der Beziehungen mit einem Land, auf das der Westen bei der Terrorbekämpfung angewiesen ist. Ein Gastkommentar.

BerlinMit der Hinrichtung von 47 Terroristen und Oppositionellen erregte das Königreich Saudi-Arabien wieder einmal internationale Aufmerksamkeit. Dabei war das Ziel der Aktion vor allem innenpolitischer Natur, denn die meisten Hingerichteten waren Angehörige der al-Qaida, die das Land 2003-2006 mit einer beispiellosen Terrorkampagne überzogen hatte. Die Herrscherfamilie wollte verdeutlichen, dass sie vor dem Hintergrund mehrerer Anschläge der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) im Königreich entschlossen gegen alle Jihadisten vorgeht, die es wagen, sie mit Waffengewalt zu bekämpfen.

Dementsprechend konzentrierten sich die saudi-arabischen Medien in ihrer Berichterstattung über die Hingerichteten denn auch auf Shaikh Faris az-Zahrani, einen religiösen Vordenker der saudi-arabischen al-Qaida, den die Regierung als einen Hauptverantwortlichen für die Ereignisse vor rund einem Jahrzehnt sieht. Dass auch vier Schiiten hingerichtet worden sind, dürfte vor allem dem Wunsch des Regimes geschuldet sein, der eigenen konservativen Machtbasis – die häufig Sympathien für die Jihadisten hegt – entgegenzukommen und zu verdeutlichen, dass die Grundregeln der Politik im Land bestehen bleiben: So sehen die konservativen Wahhabiten in den ihnen verhassten Schiiten die viel größere Bedrohung und fordern eine unnachgiebigere Unterdrückung der Minderheit.

Die Hinrichtungen zeigen einmal mehr, dass Deutschland es bei Saudi-Arabien mit einem sehr schwierigen Partner zu tun hat. Einerseits ist das Königreich ein wichtiger Verbündeter im Kampf gegen Gruppierungen wie al-Qaida und den IS, andererseits ruft es durch die eigene Politik immer wieder den Widerstand sunnitischer und schiitischer militanter Gruppen hervor und trägt mit der Förderung des Wahhabismus zur Entstehung und Verbreitung jihadistischer Gruppierungen bei.

Saudi-Arabien ist eines der wichtigsten Herkunftsländer islamistischer Terroristen. Das zeigt sich schon an der großen Zahl von mehreren Tausend Syrien-Kämpfern, die das größte Kontingent ausländischer Freiwilliger stellen, von denen die meisten sich seit 2013 dem IS angeschlossen haben. Saudi-arabische Jihadisten bildeten schon in den 1990er Jahren die dynamischste Teilgruppe im internationalen Terrorismus, doch reagierte die Herrscherfamilie erst, als al-Qaida im Mai 2003 begann, in Saudi-Arabien Anschläge zu verüben. Mit Hilfe der USA gelang es dem Königreich, die eigenen Sicherheitsbehörden so zu stärken, dass die örtliche al-Qaida schon 2006 vollständig zerschlagen war.

Zum Architekten der saudi-arabischen Terrorismusbekämpfung wurde der damalige stellvertretende Innenminister Muhammad bin Naif Al Saud, der seit 2012 Innenminister und seit 2015 auch Kronprinz ist. Die saudi-arabischen Sicherheitsbehörden arbeiten seit 2003 intensiv und meist vertrauensvoll mit ihren Partnern in den USA und Europa zusammen und haben zumindest einmal maßgeblich dazu beigetragen, Anschläge im Westen zu verhindern. Da die Jihadisten international immer besser vernetzt sind, müssen Deutschland und seine Verbündeten auch weiter mit Saudi-Arabien zusammenarbeiten, wenn sie al-Qaida und IS effektiv bekämpfen wollen.

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Ohne Wahhabismus kein Jihadismus

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