Schaulaufen um die Führung der Konservativen
Britische Tories suchen einen Platz in der Mitte

Nach monatelangem Geplänkel geht bei den britischen Konservativen der Kampf um die neue Parteiführung in die entscheidende Phase. Rechtzeitig für den Parteitag, der am Sonntag beginnt, sind zwei weitere Kandidaten in den Ring gestiegen, darunter der als Favorit der Fraktion geltende 56-jährige David Davies. Auch sein schärfster und, trotz seines Alters von 65 Jahren aussichtsreichster Gegner, Ex-Schatzkanzler Kenneth Clarke, meldete sich zu Wort.

HB LONDON. Er versprach, die Tories wieder zur Volkspartei zu machen und gegen einen mutmaßlichen neuen Labourchef Gordon Brown zum Sieg zu führen. Viele halten Clarke, der von 1979 bis 1986 im Kabinett saß, für den Einzigen, dem das zuzutrauen wäre.

Nach drei Wahlniederlagen suchen die Tories nun schon den fünften Parteichef der Post-Thatcher Ära. Interne Streitigkeiten haben sie seit Jahren zur Rolle einer zahnlosen Opposition verdammt. „Die Wähler haben sich verändert. Die Tories haben den Kontakt mit ihnen verloren“, erklärt Professor Tony Travers von der London School of Economics diese Misere. Die Gesellschaft habe sich verändert: „Hedonismus“, Konsumsucht, die hohe Kriminalitäts- und Scheidungsrate, Drogen- und Alkoholprobleme führt der Wissenschaftler an. „Großbritannien ist nicht mehr das ruhige, friedliche Land, dass die Tories aus den fünfziger Jahren gewohnt sind.“ Ähnlich sieht es der Tory-Sozialpolitiker David Willets: „Wir verstehen das moderne Großbritannien nicht mehr richtig. Dabei haben vor allem wir selbst es mit unseren Reformen in den achtziger Jahren geschaffen.“

Insgesamt gehen acht Kandidaten ins Rennen um die Tory-Spitzenposition. Doch ist Clarke der einzige, der einer Mehrheit der Briten überhaupt bekannt ist – obwohl er seit acht Jahren Hinterbänkler ist. Der amtierende Parteichef Michael Howard will nach dem Parteitag zurücktreten. Er hatte seinen Rückzug sofort nach der verlorenen Wahl im Mai angekündigt und wollte so eine Debatte über die Positionierung der Konservativen anstoßen.

Bislang ist nur klar, dass alle Kandidaten sich Richtung Zentrum orientieren. Nur dort kann Tony Blairs Labour-Partei geschlagen werden. David Davies versicherte der „Times“, er werde nicht den alten Fehler wiederholen, als Kandidat der Mitte anzutreten und dann unter dem Druck der Parteibasis auf überholte Positionen der Rechten zu schwenken. Davies will eine Gesellschaft, „in der es eine Grenze gibt, unter die keiner fallen kann, aber keine Grenze, wie weit einer steigen kann“.

Davies ist Europaskeptiker. Wenn nun der harte Kampf um die Stimmen der Parteibasis beginnt, wird er in Versuchung kommen, sich gegen den europafreundlichen Clarke mit Anti-EU-Parolen zu profilieren. Konkurrent Clarke hingegen setzt darauf, dass das Thema Europa keine Rolle mehr spielt: „Eine Entscheidung über den Euro wird auf zehn Jahre nicht einmal zur Diskussion stehen.“

Die 300 000 Parteimitgliedern wählen den Tory-Chef aus einer von der Unterhausfraktion bestimmten Zweierliste. Beim letzten Mal unterlag Clarke wegen seiner pro-europäischen Haltung gegen den bereits vergessenen Iain Duncan Smith. Nun setzt der Zigarrenraucher und Jazzfreund, bis vor kurzem Vorstandsmitglied des Tabakkonzerns BAT, darauf, dass er mit seiner Erfahrung, Kompetenz und Ausstrahlung überzeugen kann.

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
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